Digitale Lesungen im Februar

Im Februar wird die Lettrétage einen Teil ihres Programms digital ausrichten. Die aktuelle Situation verbietet es weiterhin, Veranstaltungen vor Ort anzubieten, aber wir wollen die freie Literaturszene dennoch mit unserer Infrastruktur unterstützen und unsere Strukturen für digitale Lesungen zur Verfügung stellen. Deshalb werden hier in den kommenden Tagen nach und nach Termine für Februar angekündigt. Also: Schaut gerne öfters mal rein. Die Berliner Literaturszene hat wieder ein paar spannende Formate zu uns gebracht.

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Zitat der Woche

schneewittchen.
das gute an ihr:
man kann sie vergiften, schütteln
sie wacht wieder auf.

mal tanzt sie auf sieben hügeln
dann löscht die nacht sie aus
wie man eine schneekugel
vom nachtisch fegt.

da liegt sie. die ganze weiße
pracht schmilzt wie pulver.
jetzt ist klar, wer                                        
die glitzernde, strenge schöne ist. 

aber ein morgen, irgendeiner
voller apfelnachbilder
voller miederbänder und apfelreste
bringt sie zurück. irgendwann.

leg sie auf eis.
sie passt zu uns:
man kann sie auftauen und
wieder einfrieren. sieben
kühlschränke geben uns recht

ihre kehle ein bach, ihre zunge
liegt auf der zunge wie ein guter wein
ihr herz, königinnenart
verdirbt nicht so schnell.

Birgit Kreipe: schneewittchen. revisited. via Lyrikline

Zitat der Woche

eine Zartheit befolgt, ein Herzklopfen, beinah
Anordnung (Flageolett):
ein versprengter Frost, ein Stanniol, das
Aufblitzen in den Augen
„wie sich diese unsteten Gegenden nach und nach
lossagen von uns“

Imitate und Tarnungen, halber Aufenthalt
wie auf fotokopiertem Schnee (die geheimen
Verstecke: dein einzeln beschlagenes
Brillenglas, ich bin anstandshalber
bald wieder gegangen) und alle Berührungen
fallengelassen: noch rasch
an dich angelehnt

flackernde Orte, ein Herzklopfen
voller Teelichter, leichte Bandagen: ich taste
die Schuhe, die Schneeränder ab
eine Zartheit befolgt, ein paar Fluchtpunkte
sachte verschoben, ich habe die Fingerspitzen lackiert
als wären sie winterfest

Marion Poschmann: winterliche Anwendung mit Teelichtern, via Lyrikline

Zitat der Woche

In den Nachrichten die neuen Zahlen. Der Gesundheitsminister erklärt, es sei die Ruhe vor dem Sturm. Keiner könne sagen, was komme. Ich denke, er hat doch gesagt, es kommt ein Sturm. Der Himmel rot, davor dürre Äste, manchmal ein Gehöft, es fühlt sich seltsam an, unwirklich und mulmig. Als ginge etwas zu Ende.

Yannic Han Biao Federer: Ostwestfalen-Lippe, in: stadt.land.text NRW 2020

Pavlina Marvin – Turn off the lighthouses for Ivan Ismailovic

Auch diese Woche wollen wir euch ein Video aus der Online-Plattform MIXTAPE vorstellen. Dieses vom “SARDAM interdisciplinary literature festival” und der Kulturabteilung der “Cyprus High Commission in the UK” gegründete Projekt will zypriotischen und internationalen Autoren eine Bühne bieten, die sich mit aktuellen Performance-Trends wie Slam Poetry, Sound Poetry, Visual Poetry, Literatur in Verbindung mit Sounds/ Musik uvm. auseinandersetzen. Neben Lesungen und Performances bietet MIXTAPE auch eine Plattform für Diskussionen und Workshops rund um kreatives Schreiben.

Pavlina Marvins Beitrag, den wir euch diese Woche vorstellen wollen, und der den Titel “Turn off the lighthouses for Ivan Ismailovic” trägt, liefert eine spannende Verbindung aus Poesie, Musik und Schauspiel bzw. Pantomime. Der Text, der von der Autorin im griechischen Original gesprochen wird und in englischen Untertiteln im Video erscheint, handelt u.a. von der Reise des Ivan Ismailovic und seiner Katze in das Land des lyrischen Ichs. Spannungsgeladene Musik und die Mimik und Gestik von drei Performerinnen begleiten den Vortrag.

Pavlina Marvin, die ursprünglich in Athen Geschichte studierte, wurde als Autorin und Performerin schon zu verschiedenen interdisziplinären Kunstprojekten und Festivals eingeladen. Ihr erstes Buch “Histories from all around my world”, das 2017 erschien, wurde mit dem Preis “Yannis Varveris” der Hellenic Authors Association ausgezeichnet. Ihren Beitrag für MIXTAPE könnt ihr euch hier anschauen.

Zitat der Woche

Du sollst von Zeit zu Zeit alles verbrennen
Was dir nicht zugehört und dir nur äußerlich ist
Das Falsche nicht mit dir tragen nicht leben mit List
Hei wie es knistert das Feuer unter den Kiefernantennen!

Nichts soll deine Verwandlung stören Was bleibet
Stiften nicht einmal die Dichter Das Luftholen der Fische
Über dem Wasser das Quaken der Frösche im Tümpel
Und der Glanz auf dem einfach gedeckten Tische

Komm über den See mit nasser Haut
Bis am Ende der Nacht uns der Morgen blaut

Volker Sielaff: Dreizehntes Lied, via Lyrikline

Avgi Lilli – An evening in June

Auch diese Woche wollen wir euch ein Video aus der Online Plattform MIXTAPE vorstellen. Dieses vom”SARDAM interdisciplinary literature festival” und der Kulturabteilung der “Cyprus High Commission in the UK” gegründete Projekt will zypriotischen und internationalen Autoren eine Bühne bieten, die sich mit aktuellen Performance-Trends wie Slam Poetry, Sound Poetry, Visual Poetry, Literatur in Verbindung mit Sounds/ Musik uvm. auseinandersetzen. Neben Lesungen und Performances bietet MIXTAPE auch eine Plattform für Diskussionen und Workshops rund um kreatives Schreiben.

Die griechisch-zypriotische Dichterin Avgi Lilli verbindet in ihrem Beitrag Lyrik und Video miteinander. Die Aufnahme zu “An evening in June” lässt zuerst nur den Blick auf ein Gewässer zu, das ein See oder Fluss sein könnte, bevor klar wird, dass die Aufnahmen wohl in einem – etwas heruntergekommenen – Freibad entstanden sind. Begleitet wird die Szene von einem Gedicht, welches die Autorin im griechischen Original vorliest und das als englischsprachiger Untertitel im Video eingeblendet wird.

Avgi Lilli publiziert Gedichte in griechischer Sprache und verfasst Drehbücher für Kurzfilme. MIXTAPE charakterisiert sie folgendermaßen: “As a poet she focuses on the deconstruction (“distillation”) of language and meaning, while also exploring the multidisciplinary aspects of poetry and its interaction with visual and performance art.” Das Video zu “An evening in June” könnt ihr euch hier anschauen.

Zitat der Woche

Hab mich ausgesperrt.
Für einen Moment sage ich mir
der Winter steht vor der Tür.
Hab mich eingehüllt in ihn
und hör nicht mehr viel
von der Welt.
Ich schlaf in ihr.
Atme kaum dabei.
Im Traum esse ich süßen Brei.
Das ist fast zu viel.
Mein Pelz ist aus Dunkelheit.
Dunkelheit ist ein schönes Gefühl.
Nur im Winter werde ich alt.

Kerstin Preiwuss: [Hab mich ausgesperrt], via Lyrikline