Zitat der Woche

Die Wahrheit ist, dass ich ein moderner Hippie bin, aber ich
habe versucht, ein Angestellter zu sein. Ich wollte meine Eltern
stolz machen, weil ich weiß, dass sie sich wünschen, ich würde
den prekären Hustle, den sie mir vorgelebt haben, nicht wieder-
holen. Aber ich wiederhole beides: das Prekariat und den Hustle.
Und währenddessen fühle ich in mir die Enttäuschung und die
Entbehrungen, die sie für mich und meine Geschwister auf sich
genommen haben, damit wir es ihnen nicht nachmachen. Es ist
nicht leicht für sie, mitanzusehen, wie ihre Ängste und Unzu-
länglichkeiten in mir wiederkehren. Ich widersetze mich nicht
absichtlich ihren Wünschen, aber ich kann mich nicht der Kon-
formität und dem Nutzdenken beugen, ohne allmählich auszu-
brennen und lebenlänglich zombiehaft dahinzusiechen. Ich will
Mystik und Existenzialismus.
Und gleichzeitig lebte ich in Miami, umgeben von Dekadenz
und Neonlichtern, ohne Geldsorgen und Fremdaufträge, damit
ich meine auratische Phänomenologie weiterbetreiben konnte –
auf der Suche nach dem, der ich wirklich war, knietief in Erschei-
nungen wartend, die aus einem ureigenen, verborgenen Antrieb
wirken; die uns umgeben, während wir im andauernden Koma
meinen, von überhaupt nichts umgeben zu sein.

Auszug aus “Flexen in Miami”

von Joshua Groß

Zitat der Woche

Der Fischreiher

Steht & steht
im letzten Loch des
streng vereisten Tümpels
Aachener Weiher.

Steht & steht
& seht, er steht, er hat
sich nicht & nicht & nicht
kein bisschen dort bewegt.

Ich im 2reiher
1gemummt & wart
& wart & wart,
bis er die eisig zart
und tränenharten Federn hebt,
wodurch er zeigt, dass er nicht
hin ist, sondern lebend steht:

Der blauer Reiher, da
zieht er mit hart gefrorenem
und messerscharfem Schnabel
aus dem vereisten
Aachener Wasser,
das er mit seinen
frostig Krallen
aufgemischt, heraus:
ein fauliges Elektrokabel.

Und würgt es sich hinein.
Wie cool kann man sein.

Von Julia Trompeter

Aus: poet nr. 20 literaturmagazin

Zitat der Woche

Zwischen weißen Bäumen stand das goldene Schwein. Es drückte den dicken Hals in den Boden und schaufelte gefrorene Eicheln ins Maul. Der starke Körper war von einem goldenen Fell bedeckt, das von Erde und nassem Schnee verdreckt war. Aus den Nasenlöchern dampfte es, und der Kiefer spannte und entspannte sich beim Zerdrücken der harten Früchte. Im Augenblick, als das sagenhafte Wesen den Kopf hob und mir in die Augen schaute, wussten wir beide, dass wir keine Feinde sind.

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Zitat der Woche

Das Nichtschreiben-Können bedeutet für mich: keine
Chance auf Wirbel. Die Wirklichkeit, wie sie ist: leider
todernst.
Und alles Leiden der Welt ist dann da, gebündelt, macht
sich breit auf all den leeren, unbeschriebenen Seiten.
Lässt kein Licht mehr durch.
Alles ist sehr finster, wenn ich nicht schreiben kann.

„Zitat der Woche“ weiterlesen

Zitat der Woche

lyrikline.org ist der Quell, aus dem dein Leben geflossen ist,

oder der Same, aus dem es gesprossen ist,

das ist der eine Prozess, der ihm sozusagen vorhergeht,

bei dem sich eine Kugel bildet mit ungesehener Höhlenmalerei,

das ist der Prozess, bei dem sich der Mars-Rover

bootet, bevor er angeschaltet wird und sich wahrnimmt,

der eine Prozess, den er dann überhaupt nur beobachten kann, der

auf seiner Retina eintätowiert ist – so würde man das vielleicht sagen –.

Es geht um die Sprache, aber es geht um das Leben,

und insofern um, irgendwie so, den intimsten Punkt

des Anthropischen Prinzips, sozusagen, und wenn irgendwie,

sozusagen, die Etymologie von einem Wort – wie „geboren“

zum Beispiel –, ‘ne andere wäre, dann wäre man nicht

geboren worden.

Auszug aus “Svalbard Paem” (2018) von Daniel Falb
Von Lyrikline

Wir trauern um Denis Abrahams

Foto: Privat

In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unser langjähriger Freund und Mitbegründer der Lettrétage Denis Abrahams im Januar 2020 verstorben ist. Denis hat in unzähligen Lesungen auf unnachahmliche Art Texte zum Leuchten gebracht und sie mit seiner Stimme zum Leben erweckt. Wir sind dankbar, ihn in den vergangenen 14 Jahren als vertrauten Freund, engagierten Mitstreiter und außergewöhnlichen Künstler erlebt haben zu dürfen.

Das Team der Lettrétage