Reality Czech. Deutsch-tschechische Literaturbegegnung

Neue und alternative Formen von Kollaboration, Präsentation und Publikation tschechischer und deutscher zeitgenössischer Literatur

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Reality Czech Flyer

2019 war Tschechien nach vielen Jahren wieder offizielles Gastland der Leipziger Buchmesse und somit wurde eine breite nationale und internationale Öffentlichkeit auf aktuelle Entwicklungen, Autor*innen und Werke der tschechischen Literaturszene aufmerksam gemacht. Der literarische Austausch zwischen Tschechien und Deutschland, insbesondere zwischen Prag und Berlin hat sich in den vergangenen Jahren als sehr fruchtbar erwiesen, besonders die kreativen freien Literaturszenen beider Städte zeigen ein großes Interesse an gegenseitiger Vernetzung, welche z. B. durch die gemeinsame Planung von Festivals, Lesereihen und Übersetzungsprojekten sichtbar wird.

Es ist also der richtige Zeitpunkt für einen Realitätsabgleich und ein gegenseitiges Update: Wo stehen die Prager und die Berliner Literaturszene derzeit? Wie organisieren sich Autor*innen untereinander, national und international? Wie funktionieren literarischen Kollaborationen, über Verlage, Zeitschriften, Übersetzer*innen, Autorenkollektive? Welche neuen Wege der Literaturvermittlung- und Verbreitung gibt es oder werden aktuell erprobt? Kann Literatur die Reflexion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse leisten? Welche politischen Mittel stehen den freien Literaturszenen beider Städte zur Verfügung, um aktiv an gesellschaftlichen oder kulturellen Entwicklungen und Veränderungen teilzuhaben?  

In Rahmen der dreitägigen Begegnung im Oktober 2019 wollten wir gemeinsam mit den Autor*innen und dem Publikum über aktuelle Bedingungen des Schreibens, die Rolle von Literatur im (kultur-)politischen und gesellschaftlichen Diskurs diskutieren sowie neue Performance und Publikationsformate aus Berlin und Prag kennenlernen. Die Gespräche und Lesungen fanden auf Englisch, Deutsch und Tschechisch statt, Übersetzungen wurden zur Verfügung gestellt.

Mit 12 Autor*innen und Übersetzer*innen aus Prag und Berlin: Adam Borzič, Christian Filips, Paula Fürstenberg, Sandra Gugic, Petra Hůlová, Simone Kornappel, Bert Papenfuß, Eva Profousová, Jan Škrob, Tereza Semotamová, Luboš Svoboda, Jáchym Topol

Ein Projekt von Lettrétage e. V. (Berlin) in Kooperation mit CzechLit – České literární centrum (Prag)

Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister – Senatskanzlei, den Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds und die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

Programm:

Freitag, 11.10.2019, 20 Uhr

Lesungen: Adam Borzič, Christian Filips, Sandra Gugic, Eva Profousová, Tereza Semotamová, Jáchym Topol
Moderation: Tomas Fitzel

Samstag, 12.10.2019, 12.00-22 Uhr

Die Open Talks finden in Kooperation mit dem Institut für Slawistik und Hungarologie der Humboldt Universität zu Berlin statt.

12-13.30 Uhr Open Talk I: Wo stehen die Prager und die Berliner Literaturszenen?
Gespräch und Diskussion mit Adam Borzič,  Paula Fürstenberg, Petra Hůlová und Bert Papenfuß

14.00-15.30 Uhr Open Talk II: Wie funktioniert literarische Kollaboration?
Gespräch und Diskussion mit Simone Kornappel, Eva  Profousová, Jan Škrob, Luboš Svoboda

16.00-17.30 Uhr Open Talk III: Wie steht die Literatur zur Gesellschaft?
Gespräch und Diskussion mit Christian Filips, Sandra Gugic, Tereza Semotamová, Jáchym Topol

Moderation: Tom Bresemann und Prof. Dr. Alfrun Kliems

20.00 Uhr Lesungen

Petra Hůlová,  Paula Fürstenberg, Simone Kornappel,  Bert Papenfuß, Jan Škrob, Luboš Svoboda.  Moderation: Barbora Schnelle

Sonntag, 13.10.2019, 10-12 Uhr

Diskussionsrunde zum Thema alternative Publikationsformen und Zeitschriftenausstellung

Teilnehmende Autor*innen:

Adam Borzic (*1978 in Kroatien) ist ein tschechischer Dichter, Essayist, Psychotherapeut und Chefredakteur des Literaturmagazins Tvar. Er wuchs in Kroatien auf, wo er Theologie und Psychologie studierte. Gemeinsam mit Kamil Bouška and Petr Řehák gründete er die Lyrikgruppe Fantasía. Seine Gedichte wurden wiederholt in der Anthologie der besten tschechischen Gedichte abgedruckt und sind in 8 Sprachen übersetzt. Er ist Autor mehrerer Gedichtbände und Essay Kollektionen. Zuletzt veröffentlichte er die Gedichbände Orfické linie (Orphic lines, Malvern, 2015) und Západo-východní zrcadla (West-Eastern Mirrors, Malvern 2018) und die Essaysammlung Proroci post-utopického radikalismu: Alexandr Dugin a Hakim Bey (The Prophets of post-utopic radicalism, Vyšehrad, 2018) gemeinsam mit Ondřej Slačálek und Olga Pavlova.

Christian Filips lebt als Dichter, Regisseur und Musikdramaturg in Berlin. Von 2000 bis 2007 studierte er Literatur, Philosophie, Musikwissenschaft in Brüssel und Wien. Seit 2006 ist er Programmleiter der Sing-Akademie zu Berlin und gibt seit 2010 gemeinsam mit Urs Engeler die Poesiereihe roughbooks heraus. Er inszeniert regelmäßig Opern, Volkstheaterstücken und sozialen Plastiken die u.a. am Haus der Berliner Festspiele, im Stadtraum von Mumbai, am Maxim-Groki-Theater und an der Volksbühne zu sehen waren. In seinen literarischen Texten verschmelzen Kunstreligion, Psychoanalyse und ökonomische Theorie. 2001 wurde sein erster Gedichtband „Schluck auf Stein“ mit dem Rimbaud-Preis des ORF ausgezeichnet. Zuletzt publizierte er den Gedichtband „Heisse Fusionen“ Analysen zur poetischen Ökonomie (roughbook, 2018).

Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, wuchs in Potsdam auf. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Frankreich studierte sie am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Seit 2011 lebt und schreibt sie in Berlin. Ausgezeichnet wurde sie u.a. mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur, dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg und des Berliner Senats; 2014 war sie Stipendiatin der Autorenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin. Sie ist Mitglied des Kunsthaus Strodehne e.V. und aktiv im Netzwerk Freie Literaturszene Berlin. Ihr Debütroman »Familie der geflügelten Tiger« erschien 2016 bei Kiepenheuer & Witsch. 2019 schreibt sie mit einer Brandenburger 8. Klasse einen Schulhausroman und arbeitet im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg an ihrem zweiten Roman.

Sandra Gugic (*1976 in Wien) ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. Sie arbeitete als Assistentin für Theaterproduktionen der freien Szene und des Burg­theaters Wien, und als Grafik Designerin bevor sie Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte. Es folgten Prosa, Lyrik und Essay Veröffentlichungen u.a. in Lichtungen, ZEIT online und dem Jahrbuch der Lyrik, sowie Arbeiten für Theater und Film. Für Ihren Debütroman „Astronauten“ (C.H.Beck, 2015 ) erhielt sie die Autor_innenprämie des Bundeskanzleramts für das besonders gelungene Debüt und 2016 den Reinhard-Priessnitz-Preis. Im Frühjahr 2019 erschien ihr Lyrikdebüt „Protokolle der Gegenwart“. Sandra Gugic ist Mitbegründerin von nazisundgoldmund und war für die künstlerische Leitung der Literaturkonferenz Ängst is now a Weltanschauung im Juni 2018 in Berlin mitverantwortlich.

Petra Hůlová, geb. 1979 in Prag, studierte in Ulaanbaatar und Prag Mongolian Studies. Ihr Roman Dreizimmerwohnung aus Plastik wurde 2007 mit dem Jiří Orten Preis ausgezeichnet und für Endstation Taiga erhielt sie 2008 den Josef Škvorecký Preis. Ihre Texte wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Seit 2015 schreibt sie Dramatik, sie lebt und arbeitet in Prag.

Simone Kornappel, geboren in Bonn, wohnhaft in Berlin. Lyrikerin und Übersetzerin. Seit 2009 Herausgeberin der randnummer literaturhefte.

Bert Papenfuß, geboren 1956 in Reuterstadt Stavenhagen, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. In seinen Werken arbeitet er häufig mit bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Er ist Mitbegründer des Kaffee Burger und der Kulturspelunke Rumbalotte continua und ist Teil des Rumbalotte Prenzlauer Berg Connection e. V. Er gibt die kultupolitischen Zeitschrift „Abwärts!“ mit heraus. Für seine Werke hat er den Erich Fried Preis (1988), die Eugen Viehof-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung (2008) und den Karin Kramer Preis für widerständige Literatur (2016) erhalten. Zuletzt veröffentlichte er die Anthologie „Seifensieder. Angewandte Schrunst für eingewiesene“ (2016) und den Roman „Abriß“ (2019).

Eva Profousová (*Prag 1963) lebt seit 1983 in Deutschland. Studium der Slavistik und Osteuropäischen Geschichte in Hamburg und Glasgow. Übersetzerin (zeitgenössische Literatur, Theaterstücke, Essays) von: Radka Denemarková, Jaroslav Rudiš, Martin Šmaus, Jáchym Topol, Kateřina Tučková, Michal Viewegh und Petr Zelenka. Sie setzt sich für Sichtbarmachung der Literaturübersetzer (Gründungsmitglied der Weltlesebühne) und für Vermittlung der Kultur des östlichen Europas ein; zahlreiche Moderationen, Lesungen, Rezensionen. Auszeichnungen: 2012 Georg-Dehio-Buchpreis, 2011 1.Usedomer Literaturpreis (beide für die Übertragung von Radka Denemarkovás Roman Ein herrlicher Flecken Erde ins Deutsche), 2010 Hamburger Förderpreis für Literaturübersetzung für Die Teufelswerkstatt von Jáchym Topol.

Jan Škrob, geboren 1988, ist ein tschechischer Dichter und Übersetzer. Er ist Autor der Gedichtbände „Under the Paving Stones“ (EMAN, 2016) und „Reality“ (Malvern, 2018). Sein erstes Buch war für den DILIA Litera Award für die Entdeckung des Jahres nominiert und gewann den Dresdener Lyrikpreis 2018 gemeinsam mit dem deutschen Dichter Bastian Schneider. Mit „Reality“ wurde er für den Jiří Orten Preis in der Kategorie Buch des Jahres von einem Autor unter 30 nominiert. Seine Gedichte wurden auf Englisch, Deutsch, Französisch, Niederländisch, Polnisch und Litauisch übersetzt.

Tereza Semotamová, geb. 1983, ist Autorin, Publizistin und Übersetzerin und lebt in Prag. Sie studierte Germanistik und Drehbuch, schreibt Hörspiele, Features und Kolumnen, übersetzt deutschsprachige Literatur ins Tschechische und arbeitet für die deutsch-tschechische Plattform jádu. Ihr erster Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt, u. a. ins Deutsche (Im Schrank, Voland & Quist, 2019).

Luboš Svoboda, geboren 1986, lebt als Dichter in Prag. 2014 veröffentlichte er den Gedichtband Vypadáme, že máváme (Fra). Er ist der Gründer des Verlages Lačnit Press und leitet die Plattform Psí Vino für zeitgenössische Poesie.

Jáchym Topol, 1962 in Prag geboren ist einer der bekanntesten tschechischen Autoren seiner Generation. Als Sechzehnjähriger unterzeichnete er die Charta 77, 1985 begründete er das Underground-Magazin Revolver Revue, seine Zeit als Wehrpflichtiger verbrachte er mit anderen Intellektuellen in der Irrenanstalt, er arbeitete als Heizer und Lagerarbeiter. In den 90er Jahren studierte er Ethnologie und bereiste zwischen 1989 und 1991 als Journalist für die Wochenzeitung Respekt und Drehbuchautor Osteuropa. 1988 erschien in Samizdat sein erster Gedichtband Ich liebe Dich bis zum Irrsinn, 1992/93 folgten Am Dienstag gibt es Krieg und Ausflug zur Bahnhofshalle. Seinen Durchbruch als Schriftsteller hatter er mit dem Roman Die Schwester; es folgten Engel EXIT, Nachtarbeit, Zirkuszone und Die Teufelswerkstatt. Topol lebt in Prag.

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