#lettretalks: Carola Köhler über das Netzwerk BücherFrauen, Frauen im Literaturbetrieb und Feminismus

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Am 20. April wird Ulli Lust, die erste Comicautorin, die den Deutschen Sachbuchpreis (2025) gewonnen hat, in der Lettrétage aus ihren beiden Comicbänden „Die Frau als Mensch“ vorlesen. Organisiert wird dieser Abend von den BücherFrauen, einem Berufsnetzwerk für Frauen aus der Buch- und Literaturbranche. Wir wollten mehr über die Veranstalterinnen wissen und sie und ihre Arbeit besser kennenlernen, weshalb wir mit der freien Lektorin und Übersetzerin Carola Köhler aus dem Vorstand der BücherFrauen gesprochen haben.

Die BücherFrauen sind ein Netzwerk von und für Frauen im Literaturbetrieb. Wer sind die BücherFrauen und wieso ist es wichtig, dass sie sich vernetzen?

Die BücherFrauen sind ein Berufsnetzwerk für Frauen aus allen Bereichen rund ums Buch. Mitglied können alle Frauen* werden, die in der Buchbranche arbeiten oder sich ihr in irgendeiner Weise zugehörig fühlen. Gegründet wurden sie nach dem Vorbild der englischen „Women in Publishing“, dabei ging es darum, zu den traditionell eher männlich dominierten Netzwerken eine feministische Alternative anzubieten. Schon bei der Gründung 1990 spielte Vernetzung eine große Rolle, im Sinne von kollegialem Miteinander, gegenseitiger Hilfe und Unterstützung, Sichtbarkeit und Vertretung politischer Interessen. In der Buchbranche gibt es einen großen Anteil an Menschen , die freiberuflich arbeiten, denen die BücherFrauen ein kollegiales Umfeld bieten. Sowohl für freiberufliche als auch angestellte Arbeitende bieten die BücherFrauen Weiterbildungsmöglichkeiten und ein Mentoringprogramm sowie die Möglichkeit, sich in vielerlei Hinsicht zu engagieren und dadurch Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Ihr definiert jeweils ein Jahresthema. Für 2026 ist es: „Warum wir Feminismus und Gleichberechtigung brauchen!“ Wieso ist diese Frage immer noch so wichtig?

Ganz einfach: Weil wir immer noch keine echte Gleichberechtigung haben. Ohne Frage ist in den letzten Jahrzehnten einiges erreicht worden, aber was das Aufbrechen von Hierarchien und Ungleichheiten in der Geschlechterordnung betrifft, sind wir noch lange nicht am Ziel. Der Gender Pay Gap liegt auch 2025 noch bei 16 Prozent, Frauen leisten im Schnitt wöchentlich neun Stunden mehr Care-Arbeit als Männer, jede dritte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt. Hinzu kommt die Einschätzung, dass wir uns gerade in einer Rollback-Phase befinden und uns des bisher Erreichten keinesfalls sicher sein können. Um diesen gesellschaftlichen Entwicklungen zu begegnen, benötigen wir eine starke feministische Bewegung, als deren Teil sich die BücherFrauen verstehen. Gleichberechtigung ist kein Nice-to-have, sondern wirtschaftliche, soziale und demokratische Notwendigkeit.

Die BücherFrauen gibt es seit 36 Jahren. Was hat sich in der Literaturbranche in dieser Zeit bezüglich Gleichberechtigung verändert und was muss sich noch verändern?

Ohne Zweifel sind Frauen* in der Branche sichtbarer geworden, und zwar an vielen Stellen und auf verschiedenen Ebenen. In erster Linie betrifft das natürlich Autorinnen und Übersetzerinnen, aber auch bei Preisen und in Jurys finden sich mehr Frauen*. Auch in Führungspositionen sind heute mehr Frauen* vertreten. Je vielfältiger Unternehmen sind, umso robuster können sie sich gesellschaftlichen Herausforderungen stellen. Und da gibt es im Literaturbetrieb derzeit einige, wie die Diskussionen um ein verändertes Leseverhalten durch geringere Aufmerksamkeitsspannen oder den Einsatz von Künstlicher Intelligenz verdeutlichen. Hier ist die Branche aufgefordert, durch die Einbindung unterschiedlichster Perspektiven, nicht nur in Hinblick auf Geschlecht, sondern auch auf soziale Herkunft, sich dem anstehenden Stresstest zu stellen.

Ihr möchtet unbeachteten Literaturmenschen eine Stimme verleihen. Eines eurer Projekte bezieht sich explizit auf dieses Ziel: Was ist das Buchorchester ?

Das Projekt Buchorchester der BücherFrauen möchte sichtbar machen, wie viele verschiedene Berufe und damit unterschiedliche Arbeitsleistungen notwendig sind, bis ein Buch gedruckt auf dem Ladentisch liegt. Anders als in Filmen, wo inzwischen im Abspann alle Beteiligten von der Hauptdarstellerin bis zum Set-Runner detailliert aufgeführt werden, spiegelt das Impressum im Buch bisher nicht wider, wer alles zu seinem Entstehen beigetragen hat. Eine der Stärken der Buchbranche ist ihre Vielfalt an Berufen, die Menschen mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen vereint. Und hier kommt es eben wie bei einem Orchester auf das harmonische Zusammenspiel an. Neben der Website ist das Buchorchester auch als (analoge) Ausstellung konzipiert, die schon an verschiedenen Orten in der Republik gezeigt wurde.

Seit 2023 organisiert ihr einmal im Jahr die bundesweite Feministische Buchwoche, um Autorinnen sichtbarer zu machen. Im Rahmen der diesjährigen Feministischen Buchwoche findet am 20. April auch eine Veranstaltung in der Lettrétage mit Ulli Lust statt. Was dürfen wir von diesem Abend erwarten?

Die BücherFrauen haben eine lange Beziehung zu Ulli Lust, die schon 2012 mit einer Lesung aus „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ und 2017 mit der Künstlerinnengruppe Spring bei der Berliner Städtegruppe zu Gast war. Nur folgerichtig also, dass wir sie gleich nach Erscheinen ihres ersten Bandes von „Die Frau als Mensch“ wieder eingeladen haben. Inzwischen ist sie preisgekrönte Bestseller-Comicautorin! Sie wird aus ihren zwei Comicbänden von „Die Frau als Mensch“ lesen und uns ein bisschen was zur Entstehungsgeschichte erzählen, aber wir wollen auch darüber sprechen, wie sich die Rezeption von Comics in den letzten Jahren gewandelt hat, was das für Autorinnen bedeutet und wie sich die veränderte Wahrnehmung und Bewertung von Comics auf die Comicszene auswirkt. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Mal in der Lettrétage zu Gast sein dürfen!