#lettretalks: Sara Hauser von das ad hoc blickt auf eineinhalb Jahre textOUR zurück

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Die letzten eineinhalb Jahre über haben die Mitglieder des Lyrikkollektivs das ad hoc an insgesamt neun Terminen das Veranstaltungsprogramm der Lettrétage mit spannenden, kooperativen Veranstaltungsformaten bereichert. Im Dezember fand die von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt geförderte Lesereihe „textOUR“ nun mit einer letzten Veranstaltung ihren krönenden Abschluss. Das ad hoc und dessen Gäste haben uns einen bunten, generationenübergreifenden Abend beschert, in dem vor allem der literarische Nachwuchs im Mittelpunkt stand.

In diesem Kontext wollten wir zusammen mit der Lyrikerin und Literaturvermittlerin Sara Hauser, ad hoc Mitglied und Teil des künstlerischen Leitungsduos von textOUR, auf das gesamte Projekt zurückblicken. Im Rahmen unserer #lettretalks haben wir mit ihr über Resonanz als künstlerisches Prinzip, den Einfluss von Projektförderung auf die Arbeit im Kollektiv, und über die Zukunft des Projekts gesprochen.

In der neunten und (bisher) finalen Ausgabe eurer Veranstaltungsreihe „textOUR“ habt ihr mit Achtklässler*innen, die am Neuköllner Albert Einstein-Gymnasium einen Kreatives Schreiben-Kurs besuchen, gearbeitet. Wie haben die Schüler*innen auf euer über die letzten eineinhalb Jahre gewachsenes Gedichtgewebe reagiert?

Sara Hauser: Wir haben Zitate aus den einzelnen Gedichten herausgesucht und den Jugendlichen zur Auswahl vorgelegt. Ihnen war freigestellt, ob sie nur mit Zitaten arbeiten oder tiefer in die jeweiligen Texte eintauchen möchten. Dazu haben wir uns entschieden, um sie nicht zu überfallen, ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass der Moment der Realisation tatsächlich erst eingetreten ist, als wir den Schüler*innen die textOUR-Website gezeigt haben. Damit ist ja auch ein gewisser Schritt in die Öffentlichkeit verbunden, der für die meisten Teilnehmenden ganz neu war und durchaus auch für Irritation und Verunsicherung gesorgt hat. Selbstverständlich waren die Schülerinnen nicht gezwungen, ihre Texte zu veröffentlichen oder an der Lesung teilzunehmen, in etwa zehn Personen haben sich im Endeffekt für diesen Weg entschieden.

Teil der Aufgabe war es auch, mit einer Einwegkamera fotografisch zu den Texten zu arbeiten. Was steckt hinter dieser Herangehensweise?

Einerseits basiert unser Projektkonzept auf einem Resonanzprinzip – in Vorbereitung auf die neun Leseabende haben wir mit unterschiedlichen, literarischen Akteur*innen zusammengearbeitet, die jeweils auch auf Texte voneinander reagiert haben, ohne das tatsächlicher persönlicher Kontakt bestand. Nun hat es uns abschließend noch sehr interessiert, was passiert, wenn dieses lyrische Netzwerk um eine visuelle Komponente ergänzt wird. Lyrisches Schreiben ist ja auch etwas unheimlich bildliches, und Jugendlichen ist das Bild häufig noch näher als die Schrift, weshalb wir den Rahmen für geeignet hielten. Um den Schülerinnen verschiedene Möglichkeiten zur Text-Bild-Übersetzung näherzubringen, hat die Fotografin Sina Niemeyer einen Workshop gegeben, wo diese Wechselbeziehung im Vordergrund stand.

textOUR ist euer erstes gefördertes Projekt. Inwiefern hat sich die Arbeitspraxis innerhalb des Kollektivs dadurch verändert?

Die Förderung hat auf jeden Fall dazu geführt, dass wir unsere jeweiligen Arbeitsbereiche deutlich klarer definieren mussten. Für uns hat es gut funktioniert, uns unter den „Überbegriffen“ künstlerische Leitung, Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit aufzuteilen. Aber natürlich kostet es viel Zeit, diese Verantwortlichkeiten gerecht auszuloten, wodurch die freie, künstlerische Arbeit ein bisschen aus dem Fokus geraten ist. Andererseits erlaubt der Projektrahmen ja sehr wohl eine künstlerische Auseinandersetzung, nur einhergehend mit einer Gebundenheit, an die sich die meisten von uns schnell gewöhnen konnten. Vielleicht haben wir uns auch außerhalb der Termine, die für textOUR relevant waren, weniger getroffen – das ist aber nur ein gefühlter Fakt.

Kannst du die textOUR-Zeit ein wenig Revue passieren lassen, einen Bogen von ersten Texten bis hin zu neun Kooperationsveranstaltungen spannen?

Der Ausgangspunkt war eigentlich ein Wochenende, das wir im Kollektiv zusammen verbracht haben. Als Schreibimpulse haben wir uns alle einen Gegenstand mitgenommen, anhand dessen Minitexte entstanden sind. Um dann gut auf die Texte reagieren zu können, haben wir sie physisch ausgelegt und viel Freude an dieser Form empfunden, die dann im Endeffekt den Grundstein für unser Gedichtgewebe auf der textOUR-Website gelegt hat. Im Laufe der letzten eineinhalb Jahre ging dann alles ganz schön schnell und wir haben wundervolle Menschen, Initiativen und Kollektive kennengelernt und Fäden geknüpft, die bestimmt bestehen bleiben. Rückblickend ist mir, unter anderem, die Zusammenarbeit mit den Tauben Performer*innen Jon Savkin und Alina Gervers sehr stark im Gedächtnis geblieben.

Und wie sieht es aus, wenn du einen Blick in die Zukunft von textOUR wirfst?

Es gibt definitiv einige Ideen! Leider wurde die Förderung vom Berliner Senat jetzt erst einmal nicht verlängert, allerdings tüfteln wir weiterhin an möglichen Fortsetzungen, und weitere Kooperationen zwischen einzelnen Akteur*innen haben sich bereits ergeben. Ich denke aber auch, dass uns ein Moment des Innehaltens und der kollektiven Reflexion helfen wird, uns einigen Fragen zu widmen, die im Arbeitsprozess deutlich geworden sind. Uns ist wichtig, dass die Projekte, aus denen wir gelernt haben, nachdrücklich Wirkung zeigen und wir langfristige Schlüsse ziehen können. So zum Beispiel die mehrsprachige Barrierefreiheit – bei unserer Veranstaltung mit Jon Savkin und Alina Gervers hatten wir eine Simultanverdolmetschung von der deutschen Lautsprache in deutsche Gebärdensprache und umgekehrt, bei unserer Veranstaltung mit den Schülerinnen allerdings ist diese nicht mehr gegeben. Mit einer Kooperation ist natürlich nicht alles getan, umso wichtiger ist es uns nun, unsere Projekte barrierefrei(er) zu gestalten.

Ich möchte auch die Gelegenheit nutzen und mich bei der Lettrétage für die Flexibilität und den stets warmherzigen Empfang vielmals bedanken.