#lettrétalks: Marie Alpermann über Südslawistik, Dubravka Ugrešić und die Herausforderungen des Übersetzens

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Im Oktober 2025 fand in der Lettrétage die Buchvorstellung zu „Europa in Sepia“ von Dubravka Ugrešić statt. Die 2023 verstorbene kroatische Schriftstellerin konnte diese Premiere leider nicht mehr miterleben. Dafür, dass ihre Werke weiter gelesen und verbreitet werden, sorgen Übersetzer*innen wie Marie Alpermann. Wir haben mit ihr über Südslawistik, das Werk von Dubravka Ugrešić und die Herausforderungen des Übersetzens gesprochen.

Woher kommt Ihre Faszination für die Bosnische/Kroatische/Serbische/Montenegrinische Sprache? Was verknüpfen Sie persönlich mit der Region?

Marie Alpermann: In die slawischen Sprachen eingetaucht bin ich durch ein Freiwilliges Soziales Jahr mit Aktion Sühnezeichen 2007 in Kyjiw, was sehr eindrücklich und schön für mich war. Danach habe ich angefangen, Slawistik in Halle (Saale) zu studieren, und mein Schwerpunkt hat sich dort zunehmend auf die Südslawistik verlagert, vor allem auf die zeitgenössische Literatur aus der Region Ex-Jugoslawien. Der Südslawistik in Halle habe ich sehr viel zu verdanken: 2010 durfte ich ein Semester lang in Sarajevo studieren, die Sprache habe ich vor allem in kleinen, intensiven Kursen an der Uni in Halle gelernt, wir haben dort aktuelle Texte über Gesellschaft, Politik und Kultur gelesen, und natürlich literarische Texte, deren Autorinnen wir zum Teil sogar persönlich kennenlernen oder bei Lesungen erleben konnten. Das war toll. Die Idee, das Literaturübersetzen zum Beruf zu machen, kam allerdings erst ein paar Jahre später, aber auch da haben mich die Mitarbeitenden der Slawistik sehr unterstützt und tun es bis heute! Durch längere Aufenthalte in Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kroatien und Slowenien sind tolle Freundschaften entstanden und mittlerweile auch einige schöne Kontakte mit Kolleg*innen und Autor*innen aus der Region dazugekommen, so dass ich mich jedes Mal sehr freue, wenn ich dort sein kann.

Dubravka Ugrešić hat sich kritisch mit Themen wie Nationalismus und Sexismus auseinandergesetzt und hatte ein kompliziertes Verhältnis zu ihrer eigenen Heimat. Welche Resonanz lösen diese Schwerpunkte bei Ihnen aus? Was können wir aus Ugrešićs Werk mitnehmen?

Marie: Ja, Dubravka Ugrešić äußert sich in ihren Essays kritisch über viele Themen, und lässt oft kein gutes Haar an Menschen, denen sie begegnet, wenn sie etwa egoistisches Verhalten bei ihnen wahrnimmt. Sie entzieht sich der Zuordnung zu einem bestimmten Lager oder Label, weil sie jede Ideologie und Machstruktur hinterfragt. Zugleich ist ihre Haltung klar antifaschistisch und nationalismuskritisch, und man spürt in ihren Texten eine große Solidarität mit marginalisierten Gruppen und Opfern von Gewalt, das finde ich sehr inspirierend. Ugrešić war unglaublich vielfältig, was die Themen ihrer Essays betrifft, und das Material (Bücher, Filme, Musik), aus dem sie zitiert. Zugleich macht es großen Spaß, ihre Essays zu übersetzen und zu lesen, weil sie nicht nur thematisch dicht sind, sondern auch witzig, ironisch, manchmal sarkastisch. Und da sie lauter persönliche Anekdoten einstreut, kommen ihre Texte fast leichtfüßig daher.

Sie suchen sich die Bücher selbst aus, die Sie übersetzen. Welche Motivation leitet Sie dabei und wie läuft der Prozess ab? Was machen Sie, wenn Sie nicht vorankommen?

Marie: Das ist ganz unterschiedlich. Für manche Projekte habe ich zwei bis drei Jahre nach einem Verlag gesucht und es am Ende aufgegeben, bei anderen hatte ich mehr Glück und es hat auf Anhieb geklappt. Das Interesse der deutschsprachigen Verlagsbranche an südosteuropäischer Literatur ist nicht groß genug, als dass Verlage oft mit Aufträgen auf mich zukommen würden. Gleichzeitig gibt es sehr viele tolle Bücher auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch/Montenegrinisch, die noch nicht übersetzt sind, also muss ich selbst aktiv werden und versuchen, Verlage von den Büchern zu überzeugen, die ich gerne machen würde. Wenn ich mich bei solchen Initiativprojekten zwischen zwei gleichermaßen interessanten Büchern entscheiden muss, würde ich immer einer Autorin den Vorrang geben, weil ich es ungerecht finde, dass feministische, besonders queere Autor*innen noch immer weniger sichtbar sind und weniger öffentliche Anerkennung (Besprechungen, Preise) bekommen als ihre männlichen Kollegen. Entsprechend unwahrscheinlicher ist es, dass sie dann übersetzt werden, weil deutschsprachige Verlage natürlich darauf schauen (müssen), wie erfolgreich das Buch im Original war.

Sie sind viel im Austausch mit anderen Übersetzer*innen. Wie sehen Sie die Zukunft des Berufs, der sich der Gefahr aussetzt, immer mehr durch Künstliche „Intelligenz“ verdrängt zu werden?

Marie: Ja, das stimmt, ich bekomme natürlich mit, dass einige Kolleg*innen aus dem Verband (VdÜ) dieses Jahr den Beruf aufgeben mussten – bislang noch nicht direkt wegen Künstlicher Intelligenz, sondern weil die Honorare kaum bis gar nicht gestiegen sind in den letzten 10 Jahren, die Lebenserhaltungskosten aber enorm, wie wir alle wissen. KI ist eine zusätzliche Bedrohung. Also versuchen wir, die Sichtbarkeit unseres Berufs mit Aktionen wie #namethetranslator und #translatoronthecover zu erhöhen. Wir versuchen, dem Lesepublikum und der Branche den Qualitätsunterschied bewusst zu machen, aber auch die Arbeit, die dahintersteckt. Viele Leute staunen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich an einem Buch zum Beispiel sechs Monate arbeite und die Rohversion meiner Übersetzung noch vier Mal selbst überarbeite. Oder wie viel recherchiert werden muss, und welche Überlegungen und Entscheidungen oft in einem einzigen Satz stecken. Deswegen gibt es den Verein Weltlesebühne, wo wir Lesungen organisieren, bei denen Übersetzer*innen mit auf der Bühne sitzen und von ihrer Arbeit erzählen. Gerade haben wir in Halle zu viert eine sehr schöne Aktion organisiert: Rund um den Hieronymustag, den Internationalen Tag der Übersetzung, haben wir unsere übersetzten Bücher in einem Straßenkiosk ausgestellt und vor dem Kiosk gelesen. Die Aktion hieß „The Translator is Present“. In diesem Sinne – vielen Dank für dieses Interview!

Welche Autor*innen würden Sie gerne noch übersetzen? Haben Sie ein konkretes Projekt in Arbeit oder in Planung?

Marie: Gerade arbeite ich an dem Roman „Fuchs“ von Dubravka Ugrešić, also ihrem letzten großen Werk. Er soll bereits im Frühjahr auf Deutsch im Berliner eta Verlag erscheinen. Die Arbeit daran macht Spaß, zumal ich durch das Übersetzen der Essays Ugrešićs Stil schon „in den Fingern habe“, wie man so schön sagt. Ich freue mich schon sehr auf das fertige Buch und hoffe, dass die Essays und der Roman auch im deutschsprachigen Raum viele Lesende finden. Danach gibt es erfreulicherweise auch schon sehr konkrete Pläne. Mit dem eta Verlag sind nämlich noch drei kleinere, feine Projekte geplant: Lyrik von Paulina Lanzerotti, Dramen von Espi Tomičić und Kurzprosa von Lamija Begagić. Ich habe natürlich noch ein paar Autor*innen im Kopf, die ich richtig gerne übersetzen würde. Zum Teil wurden schon Gespräche geführt und es gibt erste Ideen für die Umsetzung, aber das ist noch nicht spruchreif.