Dystopien wie George Orwells 1984 oder Michal Hvoreckys Troll erzählen von Gesellschaften, in denen Sprache zur Manipulation und Kontrolle eingesetzt wird. Damit berühren sie Fragen, die auch unsere Gegenwart prägen: Fake News, Desinformation und die Macht sozialer Medien.
Im #lettretalk sprechen wir mit den Übersetzern Frank Heibert (Orwell) und Mirko Kraetsch (Hvorecky) über die gesellschaftliche Verantwortung ihres Berufs, über Dystopien – und darüber, wie aktuell deren literarische Visionen heute sind. Die beiden sind am 13.09. mit einer Veranstaltung im Rahmen des Festivals „Übersetzen & Weltretten“ bei uns in der Lettrétage zu Gast.
Das Festival trägt den Titel „Übersetzen & Weltretten“. Was verbinden Sie persönlich mit diesem Motto? Kann Übersetzen tatsächlich etwas zum gesellschaftlichen Wandel beitragen?
Frank Heibert: Übersetzen ganz allgemein ist in der immer internationaler aufgestellten Welt von heute eine dauerpräsente Notwendigkeit, kulturelle und politische Missverständnisrisiken erfordern Behutsamkeit und Sorgfalt, die in vielen Bereichen durch Global English oder KI teilweise umgangen werden, nicht immer mit Erfolg. Je heikler die Lage, desto potenziell weltrettender gutes Übersetzen – im Allgemeinen. Wir stehen für das Übersetzen von Literatur, wo es auf die Besonderheiten ankommt, nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner der Algorithmen. Literatur ist eine mögliche Grundlage für gegenseitiges kulturelles Verstehen und Einfühlung in das Fremd-Erscheinende. Einer Welt, die sich in Fremdenfeindlichkeit und Egozentrik zerfleischt, kann Literatur potenziell rettend helfen, indem sie das Unterschiedliche zugänglich macht und positiv statt negativ wertet und indem sie uns aufzeigt, wie viel wir Menschen bei allen Unterschieden im Grunde gemeinsam haben.
Mirko Kraetsch: Ich verstehe das Motto für mich so, dass Übersetzen eine enorm wichtige Kulturtechnik ist, die nur von Menschen ausgeführt werden kann. (Manche behaupten, dass Maschinen so etwas auch können, aber das stimmt nicht, Maschinen rechnen lediglich.)
Übersetzen erschließt Wissen, erschließt Kulturen. Und es stärkt die Wahrnehmung der Welt als soziales Geflecht. Dass literarische Texte mehr tun, als Informationen zu vermitteln, ist eine Binse. Aber offensichtlich wird genau diese Tatsache gerade missachtet, wenn Texte als „Material“ oder „Output“ verwirtschaftet werden.
Ich denke, Übersetzer*innen (eher als „das Übersetzen“) sind kompetente Personen, um über gesellschaftliche Dynamiken Auskunft zu geben. Denn mit solchen Dynamiken müssen wir uns auskennen, zudem in (mindestens) zwei Kulturräumen. Deswegen staune ich, ehrlich gesagt, dass nicht viel, viel mehr Leute aus unserer Zunft in Talkshows, Kommissionen und Beratungsgremien eingeladen werden. (Die Frage ist nur, ob wir uns das angesichts unserer extrem niedrigen Honorierung überhaupt leisten könnten, aber das ist eine ganz andere Geschichte.)

Utopien und Dystopien entwerfen mögliche Zukünfte. Gerade Dystopien zeigen dabei oft sehr genau, welche Entwicklungen einer Gesellschaft problematisch werden können. Warum brauchen wir solche literarischen Zukunftsentwürfe gerade heute?
MK: Solche Blicke in die Zukunft gibt es auf der Welt vermutlich, seit Menschen sich Geschichten erzählen. Einerseits sind es Versuche, aktuelle Entwicklungen auf die Zukunft „hochzurechnen“. Andererseits beeinflussen diese Fantasien wiederum unser eigenes Bild von der gerade eintretenden Zukunft. Neulich habe ich gelesen, wie stark aktuelle Planungen für die Expansion auf den Mond und den Mars von den Star-Trek-Filmen beeinflusst sind, zum Beispiel in den Bildwelten.
Für mich stellt sich hier vor allem die Fragen nach der Relevanz von literarischen Texten, von Büchern generell. Das Leseverhalten hat sich doch in den letzten Jahren durchaus dramatisch verändert. Einfluss auf diese Entwicklungen haben schon Erfahrungen mit Literatur im Kindesalter. Deswegen stelle ich als Mitglied der Weltlesebühne (ein Verein, dessen Zweck es ist, Übersetzer*innen ins Rampenlicht zu setzen) meine Kinderbuchübersetzungen auch vor Schulklassen vor – in der Hoffnung, meinem Publikum zu vermitteln, wie toll es ist, Geschichten vorgelesen zu bekommen und selbst zu lesen.
FH: Beide von uns übersetzten Bücher entwerfen sehr konkrete Szenarien, die als Warnungen gemeint sind und Berührungspunkte mit der heutigen Gegenwartsrealität aufweisen. Unsere Gegenwart ist näher an der Dystopie als zum Zeitpunkt des Schreibens, aber die Realität in den Romanen ist immer noch krasser. Die warnende Wirkung ist also umso dringlicher.

Sowohl bei Orwell als auch bei Hvorecky wird Sprache zur Manipulation eingesetzt. Welche Rolle spielt Sprache heute im Zeitalter von Fake News und sozialen Medien? Und wie übersetzt man eine Sprache, die bewusst verdreht, manipuliert oder ironisch ist?
FH: Von der Sprache hängt so gut wie alles ab, weil das Verhältnis zwischen realen Ereignissen und ihrer ‚Verarbeitung‘ in sozialen und anderen Medien immer mehr auseinanderklafft. Das Stichwort ist Framing. Unsere beiden literarischen Texte bilden dieses Phänomen ab. Sie zu übersetzen erfordert Kenntnis und Einsicht in die Verfahrensweisen des Framings; da Ironie, Manipulation und Wirklichkeitsverdrehung seit jeher zu den Verfahren fiktionaler Literatur gehören, kennen wir uns grundsätzlich damit aus. Das Übersetzen nach diesen Maßgaben ist also nicht neu, neu ist die inhaltliche Alltagsanwendung außerhalb der Fiktion, die auch in unseren Büchern geschildert wird.
MK: Mit dem Aufkommen der stark bildschirmfixierten Kommunikation scheint mir das Bild als Kommunikationsmittel wieder größere Bedeutung zu bekommen – zu lasten von Text, speziell komplexem Text; das Kürzel TL;DR („too long – didn’t read“, also: Text war zu lang, hab ich nicht lesen können) ist ein beredtes Symptom dieser Entwicklung. In der Alltagskommunikation werden kurze, simple Texte benötigt – die dann auch automatisiert in andere Sprachen transferiert werden können. (Oft problemlos, aber eben nicht immer.)
Auch Ironie scheint mir auf der Strecke zu bleiben, speziell in der (schriftlichen) Alltagskommunikation. Ohne Kennzeichnung der entsprechenden Stelle durch Emojis (was jede Ironie tötet) führen ironische Passagen eher zu schlechter Stimmung und werden auf Empfänger*innenseite nicht selten als persönlicher Angriff empfunden.
In einem Buch oder einem Langtext hingegen mag das kein so großes Problem sein, hier wird ein spielerischer Umgang mit Sprache wohl eher erwartet.
Und was das Übersetzen angeht – wenn der Ausgangstext ironisch daherkommt und mit bewusst manipulierter Sprache arbeitet, wird die Übersetzung ebenfalls ironisch daherkommen und mit manipulierter Sprache arbeiten. Ansonsten hätten wir unsere Arbeit nicht richtig gemacht.
Wenn Übersetzen bedeutet, Gedanken und Perspektiven über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg zugänglich zu machen: Stellt Übersetzen in diesem Sinne auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe dar?
MK: Wenn mehr Leuten bewusst wäre, dass Übersetzen (oft/meist/immer) auch einen gesellschaftspolitischen Aspekt hat, gäbe es viele Diskussionen über Large Language Models nicht. Oder anders: Dann sähen diese Diskussionen ganz anders aus.
Übersetzer*innen eignen sich im Laufe ihrer „Karriere“ Unmengen an Weltwissen an. Für jedes neue Übersetzungsprojekt müssen wir uns mit neuen Kontexten, Hintergründen, Universen auskennen. Und zwar in (mindestens) zwei sprachlichen und damit kulturellen Kontexten.
Übersetzen ist vor allem erst einmal „deep reading“, niemand liest Texte so gründlich wie wir – oft nicht einmal diejenigen, die sie verfasst haben. Wenn wir nicht jedes Detail genau verstehen und einordnen, können wir keinen guten neuen Text in unserer Zielsprache schaffen.
Dass dieses Wissen meiner Meinung nach viel zu selten ausgeschöpft wird, habe ich weiter oben schon erwähnt. In den letzten Jahren zeigt sich hier ein gewisser Wandel, bei Lesungen oder Rezensionen werden oft auch diejenigen befragt, die den jeweiligen Text übersetzt haben. Aber außerhalb der literarischen Sphäre liegt dieses unglaubliche Potenzial an Wissen leider überwiegend brach, wie mir scheint. Schade.
FH: Diese Frage ist m. E. durch meine Antwort auf die erste Frage bereits abgedeckt.
Kann Übersetzen überhaupt neutral sein – oder ist jede Übersetzung zwangsläufig eine Interpretation und damit auch eine Form von Macht? Und daraus resultierend: Mit welcher Verantwortung sind sie als Übersetzer konfrontiert?
MK: Neutrales Übersetzen? Das ist eine ähnlich eigenartige Fügung wie „neutrales Singen“. Die großen Sprachmodelle setzen vermutlich so etwas wie „Neutralität“ voraus, denn sie betrachten Text als Material und den Transferprozess als etwas Mechanisches.
Selbstverständlich ist jede Übersetzung eine Interpretation, Bedeutungsräume werden geweitet oder eingeengt – zwangsläufig, weil sich Sprachen in ihrer Struktur eben unterscheiden. Genau das ist ja die Kunst des Übersetzens, das zu wissen und verantwortungsvoll damit umzugehen. Ja, wir haben die Macht über den Text, wenn man das so formulieren will. Ich könnte einfach etwas weglassen oder umformulieren, weil es dafür äußere Gründe gibt: persönliche Befindlichkeiten, Moralvorstellungen, ideologische Einstellungen. (Das ist übrigens beim Übersetzen seit Jahrhunderten – und bis heute – geübte Praxis.) Und bei jeder Übersetzung lasse ich auch etwas weg oder formuliere etwas um. Denn ich will ja in meinem deutschen Text möglichst viele der Effekte erzeugen, die der Text auch auf das Publikum in der Ausgangssprache hat. Und dazu sind „Eingriffe“ in den Text nötig – die aber nur als problematisch betrachtet werden können, wenn man den Text als pures Material betrachtet, wenn all das, was zwischen den Zeilen steht, nicht beachtet wird.
FH: Die Frage, wie neutral Übersetzen außerhalb des literarischen Kontexts sein sollte und kann, führt sehr weit und kann hier nur im Vergleich zum Literaturübersetzen angetippt werden.
Beim Literaturübersetzen ist jede Übersetzung zwangsläufig eine Interpretation, das hat mit dem Kunstcharakter von Literatur zu tun. Bei genauerer Betrachtung ist die Wahrscheinlichkeit für großformatige Abweichungen zwischen möglichen Interpretationen allerdings nicht sehr hoch, es geht um Nuancen, die ja ohnehin den Reiz literarischer Texte ausmachen.
Daraus ergibt sich die Relevanz der Frage nach Macht und Verantwortung: In der nichtfiktionalen Realität ist die Deutungsmacht eminent wichtig und mit politischer Verantwortung verknüpft. Bei der Übersetzung literarischer Texte ist die notwendige Ausdeutung weniger eine Frage der daraus resultierenden Macht (die wir durchaus haben, klar), sondern eine Frage der Verantwortung gegenüber dem Original und den Wertigkeiten des Originals, denen wir mit unserer Interpretation in der neuen Sprache gerecht werden wollen.
Betont sei noch, dass die Frage nach der Interpretation das Inhaltliche in den Vordergrund zu rücken scheint, doch die stilistischen Aspekte der Sprachgestaltung sind mindestens ebenso wichtig (ohne die wären Framing, Fake News usw. gar nicht möglich); hier sind die Unterschiede zwischen der nichtfiktionalen Wirklichkeit und der Literatur(übersetzung) lediglich graduell.





