#lettretalks: T. G. Vömel und Christian Vater über den vauvau-verlag für interaktive Lyrik und simultan(poetisches Schaffen zwischen Rezeption und Produktion

Interview
lettretalks
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Lettrétage/Freepik

„Es geht uns hier also um etwas, das „simultan“ geschieht und dieses etwas ist Poesie.“ Am 9. Mai ist der vauvau-verlag für interaktive Lyrik zu Gast in der Lettrétage. Der von T. G. Vömel und Christian Vater in Berlin gegründete Verlag setzt sich zum Ziel, Gemeinschaftsproduktionen lyrischer Autor*innen zu veröffentlichen. Wir haben mit den Verlegern über den Prozess des interaktiven Schreibens gesprochen, über das Veranstaltungsformat simultan(poesie, das zu einem gemeinsamen Schreib- und Leseerlebnis einlädt, und über die Frage, wie Autor*innenschaft und Leser*innenschaft verschmelzen, wenn eine klare Trennung aufgehoben wird.

Im Mittelpunkt Eurer Arbeit stehen Dialog und Austausch. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Lyrik interaktiv zu denken, und welche ersten eigenen Berührungspunkte hattet Ihr mit lyrischen Gemeinschaftsarbeiten?

Wir kennen uns nun schon seit über zwanzig Jahren und waren von Anfang an im regen Austausch mit unseren lyrischen Werken. Im Jahr 2004 haben wir unser erstes interaktives lyrisches Projekt „REPLAY [1]" ins Leben gerufen, das wir alle 12 Jahre wiederholen. Daraus ist letzten Endes ein Buch entstanden, das wir zur Verlagsgründungsfeier im Jahr 2016 der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Seitdem haben wir bereits mehrere lyrische Gemeinschaftsarbeiten realisiert und dabei im Austausch immer sehr interessante Erfahrungen machen können. Und da es auf dem deutschsprachigen Büchermarkt bis dato keinen Verlag gab, der sich auf interaktive Lyrik spezialisiert, haben wir 2015 den Entschluss gefasst, einen eigenen Verlag zu gründen, der sich ausschließlich auf diese Form der Zusammenarbeit konzentriert.

Für Euch hat gemeinschaftliches Arbeiten eine hohe Relevanz – welche Vorteile seht Ihr darin und wie kann man sich den Prozess des gemeinsamen lyrischen Schaffens und des literarischen Wechselspiels vorstellen? Vielleicht gibt es auch Momente, in denen man an eigenen Vorstellungen festhalten möchte oder sie bewusst loslassen muss, um Neues entstehen zu lassen.

Interaktives Schreiben ist ein gemeinschaftlicher Prozess, der den Vorteil besitzt, seine eigenen lyrischen Trampelpfade zu verlassen und sich in der Begegnung auf neue Wege einzulassen. Der gegenseitige Austausch eröffnet unendlich viele Spielarten und Verfahrensweisen der Zusammenarbeit, die für das eigene Schreiben äußerst gewinnbringend sein können. Die Konfrontation mit direkten Impulsen des Gegenübers führt zur Reflexion der persönlichen poetischen Sichtweise und hilft unbekanntes Terrain zu betreten. Im Grunde kam es im gemeinsamen Schreiben nie zu einem Konflikt, dafür kennen wir uns zu gut und können uns vertrauensvoll aufeinander verlassen.

Wenn Ihr von interaktiver Lyrik sprecht: Begreift Ihr diese eher als Methode, als künstlerischen Ansatz oder als Haltung gegenüber Autor*innenschaft? Inwiefern verändert gemeinschaftliches Schreiben für Euch den klassischen Begriff von Autor*innenschaft?

Im Grunde bedeutet für uns interaktive Lyrik alle drei Aspekte: Das gemeinsame Schreiben ist zum Beispiel in unserer simultan(poesie eine Methode, die die Kluft zwischen Publikum und Autor*innenschaft aufhebt und beide Seiten zu einem gemeinsamen Schreib- und Lese-Ereignis einlädt. Außerdem kennen wir diese Interaktionsform als künstlerischen Ansatz, sich lyrisch zu begegnen, bereits von früher am Beispiel der Renga oder Renshi. So haben wir 2017 in Zusammenarbeit mit der Lettrétage und zahlreichen Autor*innen und Künstler*innen das sehr aufwendige Projekt INTRƎ:text" über mehrere Wochen durchgeführt, das die Idee des japanischen Kettengedichtes mit der Übertragung in Bildern und Zeichnungen weiterführt. Das Ganze wurde in einer multimedialen Diashow mit Live-Musik als Lesung vorgestellt und kann auch heute noch im Internet eingesehen und kommentiert werden.

Letztlich verändert das gemeinschaftliche Schreiben den klassischen Begriff von Autor*innenschaft hin zu einer offenen und nicht von vorneherein festgelegten Zuweisung der Urheber*innenschaft. Während üblicherweise die Texte den Urheber*innen eindeutig zugewiesen werden können (und aus Gründen von Copyright und Verwertungsrechten auch explizit genannt werden sollten), verschwimmen im Interagieren und gemeinschaftlichen Tun sehr deutlich die Grenzen. Es kommt zu Unschärfen und zur kompletten Aufhebung der Zuordnung, da das gemeinschaftliche Arbeiten an Texten teilweise bis zum gemeinsamen Schreiben eines Textes führen kann.

Euer Live-Event in der Lettrétage verbindet Schreiben, Austausch und Aufführung. Was passiert in diesem Prozess und wie erlebt Ihr dabei das Verschwimmen von Grenzen zwischen Autor*innenschaft und Leser*innenschaft?

Wir haben dieses Live-Event bereits mehrfach an unterschiedlichen Aufführungsorten durchgeführt und waren jedes Mal wieder positiv überrascht, mit welcher Begeisterung und Offenheit die Teilnehmer*innen sich an der Veranstaltung beteiligt und integriert haben. So war es für einige das erste Mal, dass sie eigene lyrische Texte verfassten und vor einem Publikum öffentlich vortrugen, eine Erfahrung, die alle als sehr beglückend und bereichernd erlebt haben. Wie uns hinterher mitgeteilt wurde, gibt es inzwischen sogar einige Deutschlehrer*innen, die dieses simultan(poetische Schreiben in ihrem eigenen Deutschunterricht erfolgreich durchführen und dabei ausschließlich positive Reaktionen von ihren Schüler*innen bekommen. Das macht uns natürlich sehr glücklich, weil wir von diesem Schreibansatz sehr überzeugt sind, der tatsächlich die Grenzen aufhebt und Brücken zwischen professioneller Autor*innen-und passiver Leser*innenschaft herstellt.

In Eurem Buch „Wildnis im Versuchslabor“ habt Ihr die Ergebnisse gemeinsamer „Materialtableaus“ festgehalten. Seid Ihr noch regelmäßig in der „Schwartzschen Villa“ mit der Veranstaltungsreihe simultan(poesie oder mit diesem Format anderweitig aktiv?

Vielleicht sollten wir noch sagen, dass wir nicht gleich von Anfang an das Publikum miteinbezogen haben. Unsere erste simultan(poetische Veranstaltung, die ebenfalls in der Lettrétage ihren Anfang nahm, fand bereits 2017 statt. Damals verfassten wir mit den beiden Autoren Lars-Arvid Brischke und Rainer Stolz an einem Nachmittag Texte, die wir bei der Entstehung mit einer Kamera festhielten. Das Ergebnis zeigten wir im Zeitraffer zu Beginn dem Publikum und stellten in einer Autor*innenlesung unsere lyrischen Texte vor. Diese Form der Präsentation schöpfte für uns noch nicht das gesamte Potential von simultan(poesie aus, denn die Grenze zwischen Leser*innen und Autor*innen war streng festgelegt. Nach längeren Überlegungen kamen wir auf die Idee, die Zuschauer*innen aktiv in den Schreibprozess miteinbeziehen zu wollen. So entstand das erste Live-Event, das wir 2022 in der „Schwartzschen Villa" mit der Autorin Silke Peters und dem Autor Lars-Arvid Brischke durchgeführt haben. Hier wurde das Publikum zum ersten Mal direkt in den Schreibprozess einbezogen und hatte die Möglichkeit, aus dem gemeinsamen Wortpool eigene lyrische Texte zu generieren, die in einem dritten Schritt als gegenseitiges Vorlesen präsentiert werden konnten - alles freiwillig und ohne Zwang. Weitere simultan(poetische Abende in dieser Besetzung führten wir 2023 in Greifswald und Stralsund durch. Parallel zu diesem Projekt arbeiten wir jedoch seit 2017 auch an einem interaktiven „Nature-Writing-Event", zu dem wir 2021 ein Publikum zum Mitgestalten eingeladen haben. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden ebenfalls in derSchwartzschen Villa" einer Öffentlichkeit vorgestellt.

Ihr schreibt über Euren Verlag, dass er auch das Überwinden medialer Grenzen zur Absicht hat. Inwiefern finden musikalische, filmische oder auch (foto)grafische Aspekte Raum?

Seit 2018 laden wir alle zwei Jahre Autor*innen zu unserer foto-lyrischen Anthologie-Reihe „POING in Wort und Bild ein", ihre Fotos und lyrischen Texte zu einem von uns vorgegebenen Thema einzureichen, die als Tandem zusammen gearbeitet haben. Dabei ist uns wichtig, dass beide Autor*innen sowohl Bilder als auch Texte gestalten und keine Arbeits- und Rollenverteilung geschieht. Neben diesen foto-lyrischen Veröffentlichungen suchen wir derzeit noch Musiker*innen und Autor*innen, die mit uns eventuell ein interaktives Lyrik-Musik-Projekt ins Leben rufen wollen, das wir schon seit längerem im Sinn haben, bislang jedoch noch nicht realisieren konnten.

Könnt ihr uns einen Einblick in die Verlagsarbeit geben, insbesondere in die Auswahl von Autor*innen und die Frage, wie viele Einsendungen Euch erreichen?

Da die meisten Autor*innen der Nachwelt lieber ihre eigenen Werke überliefern möchten und weniger auf kooperative Arbeiten aus sind, wurden wir in der Vergangenheit bislang noch sehr spärlich mit Einsendungen bedacht. Durch unsere als Preis für foto-lyrische Duette genannte Ausschreibung „POING in Wort und Bild" werden jedoch immer mehr Autor*innen auf unseren Verlag aufmerksam, die uns ihre spannenden Beiträge einsenden. Daraus ergeben sich gelegentlich für uns interessante Buchprojekte bzw. werden wir für interaktive Buchveröffentlichungen angefragt, die wir sehr gerne unterstützen. So haben wir zum Beispiel das Buch „geHÄUSe- Zwölf Schleifen zwischen Zellen und Clouds" von Johann Reißer und Ursula Seeger über fünf Jahre in engem Austausch begleiten dürfen und auf diese Weise ein Werk veröffentlichen können, das bereits in der dritten Auflage eine größere interessierte Leser*innenschaft anspricht.

Eure Veranstaltung in der Lettrétage simultan(poesie wird optisch durch eine Klammer getrennt. Verratet Ihr uns, welche Bedeutung diese hat?

Die Klammer soll hier eigentlich nicht als ein Trennelement aufgefasst werden, sondern, da es eine offene Klammer ist, vielmehr als Angebot. Es geht uns hier also um etwas, das „simultan“ geschieht und dieses etwas ist Poesie. Doch wie der simultane Arbeitsprozess tatsächlich den Poesiebegriff verändert, wie und wofür und vor allem, in welche Richtung die offene Klammer das interaktive Schreiben öffnet, das wissen wir nicht. Die Antwort dazu bleibt jedenfalls wie das ganze Procedere letzten Endes immer offen.