Zitat der Woche

Ich höre Gebrüll. Laut und durchdringend bohrt es sich in meine Ohren. Eine Autotür geht auf. Und wieder zu. Worte einer Frau. Sie klingen beschwichtigend. Ich verstehe sie nicht. Mein Fenster ist geschlossen. Der Ausblick verhangen. Ein wenig Blau schiebt sich hell durch das Wolkengrau. Vögel zwitschern. Es überwiegt Tristesse. Stumpfer Nachwinter. Nur das frische Grün auf einem dreieckigen Zipfel Wiese leuchtet im Kontrast zu roten Tupfern drum herum: ein Auto, zwei Verkehrsschilder. „Achtung Bauarbeiten!“ Das ist wegen Yassin. Er ist der Vater des brüllenden Mädchens. Ich habe ihn vor ein paar Tagen erst – zur Zeit haben wir dafür mehr Zeit – näher kennen gelernt und mit ihm geplaudert; „geschwätzt“, sagt man hier. Er baut. Seit Wochen. Das monotone Grummeln des Baggers begleitet mich durch die ansonsten stillen Coronatage. Es ist nicht viel Leben hier.

Ein Fensterblick – von Dorothee Raiser

Weitere Fensterblicke gibt es am 25. Juni von Studierenden des Masterstudiengangs Biografisches und Kreatives Schreiben. Gemeinsam mit Guido Rademacher (Moderation) haben die Studierenden während dem Lockdown Texte geschrieben, die sie nun lesen, performen und musikalisch vortragen werden.