„Raus aus dem Zwang zur Einsprachigkeit“ – Ein Interview mit dem Kollektiv WIESE

Das 2017 in Berlin gegründete Kollektiv WIESE (Wie es ist) beschäftigt sich mit dem Übersetzen von Literatur und Poesie. Seit Februar 2022 veranstaltet die Gruppe regelmäßig eine vielsprachige Lesebühne in der Lettrétage. Bei den Veranstaltungen werden aktuelle Übersetzungen und Werke von Mitgliedern und Gästen des Kollektivs vorgestellt. Die nächste Lesung wird unter dem Titel Die Unsichtbare Stadt 2 am 16. März stattfinden.

Wir hatten zuvor die Gelegenheit mit dem Kollektiv über seine Motive und sein Selbstverständnis zu sprechen. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken!

Lettrétage: Das Kollektiv WIESE veranstaltet vielsprachige Lesebühnen. Wie ist euer Kollektiv und das Format der Lesebühne entstanden?

Kollektiv WIESE: Die WIESE geht zurück auf eine Begegnung zwischen Kenan Khadaj und Christian Filips, die einander zum ersten Mal Ende 2015 im Haus für Poesie begegnet sind. Kenan kam 2015 mit einem großen Bündel an Kurzgeschichten aus Syrien nach Berlin, Christian gab damals Deutschunterricht in der Neuen Nachbarschaft Moabit und half bei Behördengängen. In der Neuen Nachbarschaft war damals auch Marwa Younes Almokbel als Künstlerin aktiv. Marwa, Kenan und Christian haben sich jede Woche getroffen und nach einiger Zeit nicht nur Wohnungsgesuche und Asylanträge, sondern auch Gedichte übersetzt. Auf der WIESE haben wir gemerkt, dass es eine Zwischensprache der Poesie gibt, die man auch (oder gerade dann?) verstehen kann, wenn man die Semantik oder Grammatik einer anderen Sprache nicht versteht. Bald schon kamen mehr Leute auf die WIESE. Manche brauchten dort nur kurz eine Atempause, andere wollten länger auf der WIESE verweilen. So ist nach und nach das jetzige Kollektiv entstanden.

L: Neben Lesungen organisiert ihr auch weitere Angebote. Wie sehen diese Angebote aus und wen möchtet ihr damit erreichen?

KW: Wir sind kein Service-Unternehmen, das Angebote bereitstellt. Wir sind eine WIESE. Wir schauen, wie es ist. Wer ein Gespräch auf der WIESE braucht, kann kommen. Wir brauchen das Gespräch, das wir sind. Und wenn es andere auch brauchen, freuen wir uns.

L: Kann bei euch von politischer Kunst gesprochen werden? Was verbindet konkret beim Kollektiv WIESE den künstlerischen Prozess mit gesellschaftlichen Themen?  

KW: Was wäre eine unpolitische Kunst? Eine WIESE ist keine Partei. Aber von der WIESE vor der Stadt aus kann man die brennende Stadt besser in den Blick nehmen.

L: Eure Gruppe versteht sich als Kollektiv. Was bedeutet das für euch?

KW: Raus aus dem Zwang zur Einsprachigkeit, zur Selbstverwirklichung, zur Partizipation an einem Milieu, zur eindeutigen Identität und Selbstvermarktung.

L: Und zum Abschluss noch eine Frage für all diejenigen, die Lust bekommen, bei euch mitzuwirken: Wie gestaltet sich die Mitarbeit beim Kollektiv WIESE?

KW: Kommt auf die WIESE! Hier: https://wiese-versa.de