Textauszüge aus V. L. Mora: Alba Cromm

Bevor wir am Mittwoch erstmals Vicente Luis Moras Roman ‚Alba Cromm‘ auf deutsch vorstellen, können Sie hier schon einen Auszug aus der deutsche Übersetzung von Stefan Degenkolbe lesen (zur Einführung in den Text).

# Tagebuch von Alba Cromm. 8. Juni.

Ist das nicht super? Sie sind reingefallen. Die Schlinge zieht sich zu. Einer der Verdächtigen hatte auf seinem No-tebook ein Word-Dokument, auf dem nur einige schmale Linien zu sehen waren, kurze horizontale Linien, in Rot. So eine Datei macht keinen Sinn, es sei denn, ihr Besitzer ist Grafikdesigner oder so etwas. Da das nicht der Fall war, verdutzte mich diese Datei und ich fing an, darüber nachzugrübeln. Plötzlich verstand ich es: Diese Linien waren Unterstreichungen für einen nicht existierenden Text, für einen Text, der irgendwo anders war. Man muss-te nur die andere Datei finden und in diesem Text die Worte, die als Schlüssel dienen könnten. Ich habe sie heute Morgen gefunden, nachdem es mir eigenartig vorgekommen war, dass ein Pharmazeut auf seinem PC die Dokumentenvorlage für Geschäftsbriefe benutzt. Ich habe sie ausgedruckt und dann das Dokument mit den Strichen auf Durchschlagpapier darübergelegt. Tatsächlich, es handelte sich um einen verschlüsselten Text mit dem Zugangscode für eine Seite mit verbotenen Inhalten, die als Online-Übersetzungsprogram getarnt war. Sie waren sich so sicher, dass niemand das System durchschauen würde, dass sie keinen weiteren Schutz eingebaut hatten. Zehn Stunden genügten, um sie alle ausfindig zu machen. Sie gehören mir. Morgen früh werden die Kollegen von der Staatsanwaltschaft an fünfundvierzig Türen klingeln.
Jetzt eine Stunde auf dem Laufband, um es zu feiern.
Letzte Nacht habe ich wieder von Tom geträumt. Sein Körper atmet, hört in meinen Armen auf zu atmen. Die KFOR-Uniform ist rot, schreiend rot. Ich sehe es alles rückwärts: zuerst das Blut auf meinen Händen, in der Mit-te den zuckenden Körper, am Ende den Sturz. Mit dem Geräusch des Schusses wache ich auf.

# E-mail. 10. Juni.

Von: »Kromm, Alexia«, alexiakromm@yahoo.com
An: »Cromm, Alba«, albacromm@yahoo.es

Wahnsinn, Schwesterherz! Toll für dich! Du sahst prima aus im Fernsehen. Ich hab es Mama am Telefon erzählt. Sie hat gesagt, dass sie dich anruft, um dir zu gratulieren. Ich bin stolz auf dich. Wir haben uns lange nicht gesehen. Warum kommst du nicht einmal vorbei und wir essen zusammen?
Das war komisch, deinen Nachnamen mit K. geschrieben zu sehen. Ich vermute, es geht dabei um die Wahrung deines Inkognito; du wirst es mir schon erzählen.
Hast du die Wette von Cyber Network Systems mitbekommen? Warum machst du nicht mit, sahnst ab und setzt dich zur Ruhe?
Küsse,
Ale

# Blog von Alba Cromm. 10. Mai.

Noch mehr zum Thema
Alba Cromm – 10-05 04:52:16

Im Kosovo haben sie uns gezwungen auf unseren Körper zu achten. Darauf achten meine ich nicht im Sinn von sich verwöhnen, sich pflegen, sich kümmern. Ich bezieh mich darauf, ihn zu benutzen, um die Umgebung zu erspüren. Sie haben uns auch beigebracht, dass der Körper schlauer ist als wir, dass unser Überleben vielmehr von ihm abhängt als von unserem Verstand. Sie verlangten von uns, Katzen zu sein oder Nattern oder Mäuse, je nach Gelegenheit, Umgebung oder Tageszeit. Der Körper hat seinen eigenen Instinkt, und in einer Krisensituation kommt er am meisten zum Tragen und ist auch am nützlichsten. Der Krieg – das war ein Krieg; wir waren dort, um einen Frieden zu bringen, den es nicht gab – ist so. Er spricht das Tier in uns an. Es geht immer Körper gegen Körper, auch wenn es Sturmgewehre und Scharfschützengewehre gibt, die dich auf 1500 Meter Entfernung nie-derstrecken können. Das Bestimmende in kriegerischen Auseinander-setzungen ist der Körper. Einmal, als ich die Deckung verloren hatte, ertappte ich mich, wie ich mich schnell bückte. Erst danach, als ich schon über meinen Bauch gebeugt hockte, hörte ich die Kugel über meinen Kopf pfeifen. Ich sah mich um. Wir hatten uns alle zugleich gebückt. Niemand hatte das Projektil wirklich gehört, aber alle, besser gesagt, der Körper jedes Einzelnen, hatte gespürt, wie die Kugel die Luft in unsere Richtung durchschnitt, und hatte eine Verteidigungs-maßnahme ergriffen, die Rückkehr zur Fötushaltung. Alle, ohne Unterschied der Geschlechter. Anders als man denkt, kommt der Körper vor dem Geschlecht, das Geschlecht ist nur eine Verfeinerung der Instinkte.
Um gewisse Dinge zu verstehen, muss man in den Krieg ziehen.
Dort lösen sich die Rollenmodelle auf. Mann oder Frau bist du nur in der Freizeit, dadurch, welche Baracke du wählst, um zur Toilette zu gehen, durch die Unterwäsche, bei den Scherzen. Wenn du einmal in den gepanzerten Konvoi gestiegen bist, bist du weder Frau noch Mann, nicht Alba, nicht Pepito, nicht Zutano, nicht Spanierin, nicht von der KFOR, nicht Kosovare, weder kaukasisch noch schwarz, weder Freund noch Feind, weder Kriegspartei noch Friedensstifter. Du bist ein Körper, der sein Zittern zu unterdrücken versucht, indem er sich mit aller Kraft an das Gewehr klammert. In diesen Momenten erinnert man sich nicht mehr daran, dass sie einem in der Schule mal etwas beigebracht hatten. Dort interessieren niemanden die Hauptstädte der Welt, nur die des alten Jugoslawien, die man aber nicht gelernt hat, und Madrid oder Ceuta, wohin man zurückkehren wollte, möglichst lebendig und an einem Stück. Die Demografie Japans nützte einem gar nichts. Auch nicht, zu wissen, ob die schwedische Währung nun die Krone ist oder nicht, und der Werst ein russisches Längenmaß. Philipp II und die Atommodelle nützten nicht viel, wenn man auf einer von Milizen kont-rollierten Straße einem anderen Konvoi gegenüberstand. Die männlichen und weiblichen Rollen, die patriarchale Unterdrückung, der Geschlechterkampf, all das verschwand, wenn man von der gefürchteten Eliteeinheit der Schwarzen Schwäne reden hörtet. Da zählte nur noch, sich nicht in die Hose zu machen.
Um gewisse Dinge zu vergessen, muss man in den Krieg ziehen.

Kategorie: Allgemein
Kommentare (0) – RSS (0)

® Stefan Degenkolbe

Dieser Beitrag wurde unter Text in dt. Erstübersetzung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.