Interview mit Pilar Adón

Folgendes Interview hat die spanische Zeitschrift Yo Dona (zugehörig zu El Mundo) mit Pilar Adón geführt, als im April 2010 ihr neuer Erzählband Der grausamste Monat erschien, den wir am nächsten Mittwoch, 1. Dezember 2010, in der Lettrétage vorstellen werden. Die Fragen stellte Álvaro Colomer.

Pilar Adón: Das Glück des Lesers
Ihr neuer Erzählband Der grausamste Monat weckt neue Hoffnung für die spanische Erzählkunst.

Sie ist ein Monster mit drei Köpfen: einer für die Romane, ein Anderer für die Gedichte und der Letzte für die Erzählungen. Ihr letztes Buch mit Erzählungen Der grausamste Monat lässt einen glauben, dass der dritte Kopf die beiden anderen beherrscht, was sich wohl auch die gedacht haben, die ihr den Preis „Ojo Crítico de Narrativa“ für Viajes Inocentes (2005) zugesprochen, und auch jene, die ihr den Preis „Nuevo Talento FNAC“ verliehen haben. Dennoch genügt es, einen ihrer Romane oder den Gedichtband Con nubes y animales y fantasmas aufzuschlagen, um zu sehen, dass ihre anderen Gehirne ebenso gut funktionieren. Es ist nicht verwegen, zu behaupten, dass Pilar Adón eine Schriftstellerin im umfassenden Sinne ist, und eine der interessantesten Erscheinungen auf der literarischen Bühne.

Yo Dona: Der Titel Deines letzten Buches bezieht sich auf einen Vers von T.S. Eliot: »April ist der grausamste Monat«. Warum vertrittst Du diese Meinung, wenn das doch die Zeit ist, in der der Frühling beginnt?

Pilar Adón: Abgesehen davon, dass der Vers einen wundervollen Klang hat, ist er perfekt geeignet, um den Gefühlszustand meiner Protagonisten zu beschreiben. Sie wollen alle am liebsten isoliert in abgelegenen Häusern leben, ohne Verantwortung tragen zu müssen. Deshalb ist für sie April der grausamste Monat. Der Frühling scheint sie in die Außenwelt zu zwingen. Der winterliche Schutz der Dunkelheit vergeht; das können meine Protagonisten nicht ertragen.

Yo Dona: Eines der Themen, das die Erzählungen durchzieht, ist die Angst der Menschen, sich zur Welt zu öffnen. Warum ist das so?

Pilar Adón: Weil sie mich von ihrer Art her und aus ästheti‐schen Gründen am meisten anziehen: introvertiert, melancholisch, zweifelnd… Ich weiß, dass solche Eigenschaften nicht glücklich machen, zumindest nicht in einer sichtbaren Weise. Aber meine Figuren sind glücklich, wenn sie lesen. Und zum Lesen ist es das Beste, sich in eine Ecke zu setzen und alleine zu sein.

Yo Dona: In Der grausamste Monat werden die Erzählungen durch Gedichte aus Con nubes y animales y fantasmas getrennt. Was ist die Funktion der Gedichte?

Pilar Adón: Ich wollte dem Leser den Übergang von einer Erzählung zur nächsten erleichtern. Als Leserin muss ich jedes Mal die Orte verlassen, und die Namen der Figuren ändern sich in der nächsten Erzählung. Ich fühle mich dann unwohl, als würde ich die verraten, die ich zurücklasse. Und deshalb versuche ich, die Gedichte wie einen Balsam einzusetzen, der den Übergang erleichtert.

Yo Dona: Was motiviert Dich, zu schreiben?

Pilar Adón: Mit Worten können wir Landschaften und Gesichter sichtbar machen, wir können Angst hervorrufen, Mitleid, Zuneigung, aber sogar auch körperliche Gefühle auslösen. Und weil man dadurch, dass man Wörter miteinander mischt, solche Wunder vollbringen kann, sollten wir diese Werkzeuge so gut wie möglich gebrauchen. Für mich ist es ein Genuss, gut geschriebene oder gut übersetzte Abschnitte wieder und wieder zu lesen. Ich kann eine lange Zeit damit verbringen, ein gedrucktes Wort in einem Buch zu betrachten und zu überlegen, wie es sich zu dem darauf folgenden verhält.

Yo Dona: Du hast Dich immer als Romanschriftstellerin betrachtet, aber die Kritik hebt besonders Deine Erzählungen hervor. Was hältst Du davon?

Pilar Adón: Nun gut. Am Ende geht es doch um das gleiche: schöne und einzigartige Figuren zu schaffen, die nach heiterer Gelassenheit streben. Anfangs dachte ich, dass ich mich nur in einem Roman in ganzer Breite und Tiefe ausdrücken könnte, aber beim Schreiben von Der grausamste Monat habe ich gemerkt, dass ich mich getäuscht hatte.

Yo Dona: Es gibt eine große Ähnlichkeit zwischen dem Titelbild und Dir; oder bilde ich mir das nur ein?

Pilar Adón: Das haben mir schon viele gesagt. Das Bild, das von einem unglaublichen Gemälde von Dino Valls stammt, passt perfekt. Gerade wegen dieser Mischung aus Trostlosigkeit, Stolz und Erwartung, die aus dem Gesicht des Mädchens spricht.

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