Der vergessene Freund (I)

Ein Streifzug durch die finnische Literaturlandschaft

mehrere menschen sitzen in einem boot
© Moritz Malsch

Auf Einladung der finnischen Literaturförderorganisation FILI reisten Literaturveranstalter und Verlagslektorinnen nach Helsinki, um finnische Literatureinrichtungen kennenzulernen und den Stand der Vorbereitungen auf den finnischen Gastlandauftritt in Frankfurt 2014 zu bewerten. Mit dabei von Veranstalterseite: Die Literaturagentin Susan Bindermann, der Leiter der Frankfurter Buchmesse Jürgen Boos, die Organisatorin des Bremer Festivals „Poetry on the Road“ Regina Dyck, Florian Höllerer vom Literaturhaus Stuttgart, der Leiter der Literaturabteilung des Goethe-Instituts Arne Schneider, Ursula Steffens von Literaturhaus.net sowie, dank unseres großen nordischen „Schriftproben“-Projekts im letzten Jahr, ich als Vertreter der Lettrétage. Die Auswahl von Finnland als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2014 begründend spricht Jürgen Boos von der Diskrepanz in der wechselseitigen Wahrnehmung von Deutschland und Finnland. Finnland, das sei so etwas Deutschlands „vergessener Freund“, selbst umfassend nach Deutschland orientiert und von diesem mit weitestgehendem Desinteresse gestraft. Eine Beobachtung, die sich empirisch bestätigen lässt: Die Autoren, die ich während der Woche in Finnland kennengelernt habe, besuchen Berlin im Schnitt zweimal jährlich. Auf die Gegenbesuche in Helsinki warten die gastfreundlichen Finnen wohl in den meisten Fällen vergeblich, und das hiesige Halbwissen über das Land begrenzt sich meist auf Kaurismäki, Nokia, Pisa und Sauna. Das ist schade, denn das große, einwohnerarme Land im Nordosten Europas mit der seltsamen Sprache legt nicht nur ein entspanntes und tolerantes Lebensgefühl an den Tag und ist obendrein wunderschön, sondern es hat auch literarisch viele Entdeckungen zu bieten. Um die Reise möglichst gewinnbringend für die Arbeit der Lettrétage zu machen, haben Susan Bindermann und ich uns neben dem offiziellen Programm ein paar Extra-Termine mit Autoren und Literaturveranstaltern organisiert. Zunächst trafen wir uns mit unserer alten Bekannten Satu Taskinen, die seit Jahren in Wien lebt und nur zufällig grade in Helsinki war. Ihr Erstlingsroman Der perfekte Schweinsbraten (unbedingt lesen!) beschreibt die Erlebnisse einer Finnin mit der österreichischen Daseinsform und ist dieses Frühjahr auf Deutsch erschienen. Ausflug nach Tampere Gleich darauf setzten wir uns in den Zug, um Ville Hytönen und seine Buchhandlung Kirjakauppa Tulenkantajat in Tampere zu besuchen. Ville Hytönen ist der typische All-inclusive-Literaturaktivist: Verleger, Mitbetreiber einer Buchhandlung, Ausrichter von Literaturveranstaltungen und selbst Autor von in Finnland vielbeachteten Essays in einem.

menschen stehen vor einer buchhandlung
© Moritz Malsh v.l.n.r.: Alexandra Salmela, Ville Hytönen, Susan Bindermann, Vilja-Tuulia Huotarinen, Jua Rautio

Um die Buchhandlung, die Ville zusammen mit einem anderen Verleger gehört und die ein dezidiert literarisches Sortiment inklusive jeder Menge Lyrik anbietet, hat sich eine kleine, aktive Literaturszene gebildet. Ville versammelte für uns eine bunte Autorenrunde, von Kinderbuchautorinnen über Experimentalpoeten oder und Verfasser von Finanzthrillern bis hin zu der in Finnland außerordentlich erfolgreichen, in der Slowakei geborenen Autorin Alexandra Salmela, deren Romandebüt 27 eli kuolema tekee taiteilijan [dt. „27 oder der Tod macht den Künstler“] bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Die Tatsache, dass die jeweiligen Szenen nicht unter sich bleiben, mag natürlich auch der geringen Größe der Literaturlandschaft geschuldet sein. Jedoch scheint es generell weniger Berührungsängste zwischen U und E, Konventionellem und Experimentellem, Genre und Avantgarde zu geben. Schlimmstenfalls ignoriert man einander. Auffällig viele finnische Autorinnen schreiben zusätzlich zur „ernsten“ Literatur Kinder- und Jugendbücher. Auffällig auch, mit welcher Energie Neues ausprobiert wird, Dinge vermischt werden. Berichtet wurde uns von Lyrik-Improvisationen (Vilja-Tuulia Huotarinen), von getanzten Prosa-Texten, von Lyrikern, die mit Zirkusartisten oder elektronischen Musikern zusammenarbeiten (Juha Rautio), und vielem mehr. Zeitgenössische Artistik scheint in Finnland in etwa den hiesigen Stellenwert von modernem Tanz einzunehmen. Ich würde gern bald noch einmal nach Finnland reisen, um mir all das anzusehen und anzuhören und herauszufinden, ob und was man möglicherweise an Ideen aufnehmen könnte.

Morgen: Helsinki

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