Zitat der Woche

War das Gefühl des Zuhauseseins früher mit dem konkre-
ten Ort verbunden, aus dem wir stammen, ist es heute eher mit
einem imaginären Ort verknüpft, zu dem wir hinwollen. Zu-
hause ist inzwischen etwas, das wir uns in einem lebenslangen
Prozess suchen und selbst aufbauen müssen: gleichermaßen
ein realer wie ein innerer, ein spiritueller und ein sozialer Ort,
an dem wir uns aus Gründen, die uns nicht einmal bewusst
sein müssen, niederlassen. Im kollektiven Verständnis von »Zu-
hause«, lange Zeit gleichbedeutend mit »Herkunft«, scheint
es nunmehr vor allem um die Suche zu gehen, um eine der
vielleicht wesentlichsten Suchen überhaupt: nach einer Ge-
meinschaft, einer Familie und einem inneren Einklang mit
der Welt. Nach einem Ort, an dem eine Flucht ein Ende findet
oder an dem man aufhört wegzulaufen. Nach einem Ort, der
die Möglichkeit birgt, bei sich selbst anzukommen.

Von Daniel Schreiber

Aus “Zuhause”

Zitat der Woche

Ich wundere mich
wieso heute alle Menschen lächeln
sie lächeln in der Innenstadt
sie lächeln an der Hauptwache
sie lächeln beim Eisessen
sie lächeln auf der Rolltreppe
sie lächeln in der S-Bahn
sie lächeln an der Haltestelle
dann fällt mir aber auf
dass nicht sie es sind, die lächeln
ich bins, die lächelt
sie antworten nur.

Von Safiye Can

Aus “Kinder der verlorenen Gesellschaft”

Zitat der Woche

Die Wahrheit ist, dass ich ein moderner Hippie bin, aber ich
habe versucht, ein Angestellter zu sein. Ich wollte meine Eltern
stolz machen, weil ich weiß, dass sie sich wünschen, ich würde
den prekären Hustle, den sie mir vorgelebt haben, nicht wieder-
holen. Aber ich wiederhole beides: das Prekariat und den Hustle.
Und währenddessen fühle ich in mir die Enttäuschung und die
Entbehrungen, die sie für mich und meine Geschwister auf sich
genommen haben, damit wir es ihnen nicht nachmachen. Es ist
nicht leicht für sie, mitanzusehen, wie ihre Ängste und Unzu-
länglichkeiten in mir wiederkehren. Ich widersetze mich nicht
absichtlich ihren Wünschen, aber ich kann mich nicht der Kon-
formität und dem Nutzdenken beugen, ohne allmählich auszu-
brennen und lebenlänglich zombiehaft dahinzusiechen. Ich will
Mystik und Existenzialismus.
Und gleichzeitig lebte ich in Miami, umgeben von Dekadenz
und Neonlichtern, ohne Geldsorgen und Fremdaufträge, damit
ich meine auratische Phänomenologie weiterbetreiben konnte –
auf der Suche nach dem, der ich wirklich war, knietief in Erschei-
nungen wartend, die aus einem ureigenen, verborgenen Antrieb
wirken; die uns umgeben, während wir im andauernden Koma
meinen, von überhaupt nichts umgeben zu sein.

Auszug aus “Flexen in Miami”

von Joshua Groß

Zitat der Woche

Der Fischreiher

Steht & steht
im letzten Loch des
streng vereisten Tümpels
Aachener Weiher.

Steht & steht
& seht, er steht, er hat
sich nicht & nicht & nicht
kein bisschen dort bewegt.

Ich im 2reiher
1gemummt & wart
& wart & wart,
bis er die eisig zart
und tränenharten Federn hebt,
wodurch er zeigt, dass er nicht
hin ist, sondern lebend steht:

Der blauer Reiher, da
zieht er mit hart gefrorenem
und messerscharfem Schnabel
aus dem vereisten
Aachener Wasser,
das er mit seinen
frostig Krallen
aufgemischt, heraus:
ein fauliges Elektrokabel.

Und würgt es sich hinein.
Wie cool kann man sein.

Von Julia Trompeter

Aus: poet nr. 20 literaturmagazin

Zitat der Woche

Zwischen weißen Bäumen stand das goldene Schwein. Es drückte den dicken Hals in den Boden und schaufelte gefrorene Eicheln ins Maul. Der starke Körper war von einem goldenen Fell bedeckt, das von Erde und nassem Schnee verdreckt war. Aus den Nasenlöchern dampfte es, und der Kiefer spannte und entspannte sich beim Zerdrücken der harten Früchte. Im Augenblick, als das sagenhafte Wesen den Kopf hob und mir in die Augen schaute, wussten wir beide, dass wir keine Feinde sind.

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Zitat der Woche

Das Nichtschreiben-Können bedeutet für mich: keine
Chance auf Wirbel. Die Wirklichkeit, wie sie ist: leider
todernst.
Und alles Leiden der Welt ist dann da, gebündelt, macht
sich breit auf all den leeren, unbeschriebenen Seiten.
Lässt kein Licht mehr durch.
Alles ist sehr finster, wenn ich nicht schreiben kann.

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