Zitat der Woche

„Wovon ich rede? Vom Hof des Großvaters natürlich,

den hat der Löwenzahn komplett erobert.

Niemand war hier von euch das ganze Jahr,

und man kommt nirgendwo mehr durch,

selbst die Treppe ist schon überwuchert“,

so die Klage meiner Mutter,

„Euer Vater war ja auch noch nie ein großer Landmann,

viel lieber zog er in der Welt herum,

nicht einmal um den Gemüsegarten kümmerte er sich.“

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Zitat der Woche

„und wieder kommt die lust zurück

fordert fröhlich ei reis walnuss“

Eva Brunner: ACHTUNG, DIE NAHT, parasitenpresse, 2019.

„mit magnetnadeln streifst du über eiben

machst probebohrungen auf unvertrautem gelände

vom sommer verrückte hände verschieben

staketenzäune länderschwellen

über alle kartographierten ränder hinaus“

Elke Cremer: AUFRISS OHNE HÄUSER, KLAK Verlag, Berlin 2022.

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Zitat der Woche

Das ganze Dorf brannte. Die Flammen schlugen hoch über den zum Teil stark verwitterten Dächern der langgestreckten Backsteinhäuser zusammen. Zwischen den rasenden Feuern sah ich Leute hin und her hasten, aber nicht, um zu löschen. Entsetzt erkannte ich, dass sie Kanister in den Händen hielten, deren Inhalt sie an den Stellen ausschütteten, wo das Feuer zu verlöschen drohte, um es erneut anzufachen. Obwohl sie rußverschmierte Gesichter hatten, glaubte ich, einige von ihnen zu erkennen. Ich wollte ihnen zurufen einzuhalten, aber meine Kehle war wie zugeschnürt. Plötzlich zerriss der schwarz-graue Rauchvorhang an einigen Stellen und ich sah in der Mitte des Dorfes ein großes Gebäude, das alle anderen überragte und völlig unversehrt war.

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Zitat der Woche

Copyright: Ronny Aviram & Christina Maria Landerl: TELAVIVIENNA. Vom Heimkommen, Müry Salzmann Verlag, 2022.

Die Stadt hat jetzt einen Hauptbahnhof, der Westbahnhof hat verkehrstechnisch und in meinem Leben an Bedeutung verloren; und zuhause ist wieder woanders. 

Aber das Gefühl steht am Westbahnhof unter Denkmalschutz.

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Zitat der Woche

Andrikkoú stammte aus demselben Dorf wie meine Oma, auch sie war geflohen und lebte seit 1974 in Limassol. In den letzten Jahren wohnte sie allein in einem kleinen Haus am Ende unserer Straße. Sie erinnerte mich sehr an Oma. Sie war auch eine Bäuerin gewesen, die Hände gealtert vom Umgang mit Erde und Teig. Sie liebte Zitronenbäume. Kaum in der Flüchtlingssiedlung angekommen, pflanzte sie ihren ersten Zitronenbaum.

Wenn die Zitronenbäume in der Kälte froren, fror Andrikkoú mit ihnen. Wenn die Sonne schien, bewunderte sie die goldenen Früchte. Sie goss ihre Bäume, pflegte sie, sang ihnen leise Lieder vor. Sie wollte keine einzige Zitrone verlieren, dachte wohl an die, die sie in ihrem Dorf zurücklassen musste, im besetzten Gebiet. Kurz bevor sie starb, traf ich sie im Garten und erzählte ihr von meinem hohen Zitronenbaum, der mir die Ernte erschwerte.

„Wie willst du den Baum zu dir herab zwingen, junge Frau, wo er doch in den Himmel blicken will? Meine sind auch so“, sagte sie kurz angebunden und stolz.

Ein paar Tage später hörte Andrikkoús Herz auf zu schlagen. Ihre Zitronenbäume ließen die langen Äste hängen, trauernden Töchtern gleich, umarmten und beklagten sie. Nun wird Andrikkoú sie von oben betrachten und stolz sein.

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