5 Fragen an Uli Hannemann

In der Reihe „5 Fragen an…“ stellen wir Berliner LiteraturaktivistInnen vor. Ob AutorInnen, VerlegerInnen, VeranstalterInnen – mit uns sprechen sie darüber, was sie antreibt, was sie umtreibt und was sie überhaupt dazu bringt, sich literarisch zu engagieren.

Gab es für dich ein Erlebnis, das dich zum Schreiben brachte – wann und wie ist der Funke übergesprungen?

Ein bayerisches Dorfgymnasium vor über dreißig Jahren ist ja praktisch die maßstabsgetreue Nachbildung einer Diktatur. Wollte man einem unliebsamen Lehrer an den Karren fahren, konnte man also nicht einfach wie heute hingehen und ihm eine schmieren, sondern musste beispielsweise für die Schülerzeitung Fabeln konstruieren, in denen die Lehrer bestimmte Tiere mit bestimmten Eigenschaften und so babla … Halt wie in der DDR. Oder im Dritten Reich. Oder am LCB. Solche Animal-Farm-Verschnitte für geistig Arme verfasste ich jedenfalls, wofür ich eigene Freude und fremdes Lob erntete. A fucking star was born.

Bis heute ist Schreiben das beste und im Grunde auch einzige Mittel für mich geblieben, meinem Hass auf die Menschen eine Stimme zu verleihen, meine Traumata und Ängste zu verarbeiten, meine tiefsten inneren Wünsche auszudrücken und gegen das Gefühl endloser Verlorenheit in dieser Welt anzuschreien. Was jetzt aber auch wieder nur einer dieser Sätze war, die ich einfach zwanghaft aufschreiben muss, weil ich so einen diebischen Spaß daran habe. Was die Sache vielleicht am besten erklärt.

Du schreibst Gedichte und Kurzgeschichten, die du auf den Berliner Lesebühnen Reformbühne Heim & Welt und LSD – Liebe Statt Drogen vorträgst. Welche Möglichkeiten, Vor- und Nachteile bietet das Vorlesen auf der Bühne?

Der Nachteil: die Witzefalle. Der Vorteil: die Witzefalle. Die Möglichkeiten: die Witzefalle. Sofern man in der Lage ist, Humor in den Text zu bringen, hat man ihn immerhin um ein Element gestärkt, gegenüber einem Text, der weder gut noch komisch ist. Damit hat man die Mindestanforderung für das Betreiben und Funktionieren einer legeren, abendlichen Unterhaltungsveranstaltung bereits erfüllt. Und darum geht es allererstes.

Hier ganz in der Nähe liegt aber auch das große Missverständnis: Kritiker messen gern den Ernst, die Tiefe, die Qualität des einzelnen Textes. „Das ist keine Literatur“, sagen sie. Mhm. Interessant. Oder auch nicht, denn das hat ja auch keiner (von uns!) behauptet. Beziehungsweise, was ist Literatur überhaupt (und wer bestimmt das)? Goethe? Gilgamesch? Der Kleinverleger, der seine Erfolglosigkeit hinter Arroganz verbirgt? Die Leistung einer Lesebühne besteht vielmehr darin, Woche für Woche mit kurzen und eingängigen Texten, mit solidem bis gutem Handwerk, das eben auch darin besteht, zu wissen, wie man Umständlichkeit, Gefallsucht und stilverliebte Leserfeindlichkeit vermeidet, für wenig Geld Leute zu unterhalten, die in der selben Zeit ansonsten schlechtes Fernsehen glotzen, Katzenbilder posten oder Crack rauchen würden. Das ist zunächst einfach nur verdammt gut und sinnvoll und beide Seiten haben im Idealfall großen Spaß.

Ein Vorteil, abgesehen davon, dass man nicht komplett im stillen Kämmerlein mit sich und seinem Text vereinsamt, liegt im sofortigen Feedback. Das Gefühl für Länge, Hänger, Redundanzen, die Schwächen eines Textes, ergibt sich schon beim Vorlesen. Wenn man denn ins Publikum hineinspürt, hineinspüren möchte, dazu in der Lage ist. Andererseits darf man das Urteil für einen Text auch nicht komplett von dem Ergebnis abhängig machen. Das Ideal verorte ich wie so oft also in der Mitte der beiden tatsächlich existierenden Extremanschauungen „Das Publikum ist mir egal“ und „Das Publikum ist der einzige Gradmesser“.

Die Nachteile: Ja, ja. Die Witzefalle. Der Anspruch. Das Niveau. Die Literatur. Goethe, Gilgamesch und Heiliger Bimbam. Gottchen, ich heul gleich. Wir schreiben nun mal Woche für Woche neu. Auch geschätzt den Fall, das individuelle Talent des Autors reichte aus, ist es schlicht unmöglich, über Jahrzehnte hinweg wöchentlich zwei Texte zu produzieren, die gleichzeitig die Kriterien oben genannter Kritiker erfüllen und für Zuhörer unter Live-Bedingungen (Kneipenbühne, volles Haus, umfallende Gläser, Keuchhusten …) gut rezipierbar sind. Solche Texte, die meistens von eierlegenden Wollmilchficksäuen handeln, sind also allein schon aus produktionspraktischen Gründen rar. Der ernste Lesebühnentext geht in meinen Augen unter den genannten Normalbedingungen häufig in die Hose. Aber natürlich geht überhaupt viel in die Hose, immer wieder, macht nichts, das versendet sich. Das Schönste am Scheitern ist stets die Gewissheit, dass es nächste Woche nur besser werden kann.

Schwierig ist es aber natürlich, auch den „anspruchsvollen“ humoristischen Text zu schreiben. Das wäre dennoch die Form, derer ich mich in jedem meiner knappen ambitionierteren Momente bedienen würde, da der Humor nun mal das Mittel meiner Wahl ist. Als Folge der Spezialisierung und der Inselbegabung eines Autodidakten mangelt es (wohl nicht nur) mir gerne an Geduld, Sorgfalt und artverwandten Skills, die man für die lange Strecke braucht. Aber ich arbeite daran.

Was ist speziell am Berliner Lese(bühnen)-Publikum? Was funktioniert nur in Berlin/ in Berlin überhaupt nicht?

Texte über Fußball funktionieren schlecht. Und da ich viel mit Ich-Erzählern arbeite, deren Attitüde mit meiner eigenen alles andere als deckungsgleich ist, beobachte ich auch, dass z.B. Selbstmitleid schwierig ist, während viele andere Loser-Posen durchaus zum guten Ton gehören. In der Regel aber ist der Unterschied zwischen den verschiedenen Berliner Bühnen mindestens so relevant wie der zwischen Bühnen in Berlin und außerhalb. Denn jede Bühne hat ihre eigenen Autoren mit ihrem eigenen Ton, der dann jeweils das Besondere dieser Bühne ausmacht, und ein entsprechendes Publikum anzieht, das diesen Ton dann auch zu schätzen weiß.

Mit Berliner Themen, die Insiderwissen voraussetzen, muss man außerhalb Berlins naturgemäß vorsichtig sein, eventuell Fakten vor dem Text anmoderieren. Oder auf solche Texte auch einfach mal verzichten. Ob man mit drastischen Darstellungen oder Obszönitäten aneckt, hängt auch eher von der Gesetztheit von Ort und Leuten ab als von der geografischen Lage des Auftrittsorts. Und dann kann man immer noch entscheiden, ob man das Auditorium extra gegen den Strich bürstet, oder lieber kuschelt. Ich persönlich werde eigentlich lieber geliebt. Ich ordne dem zwar nicht alles unter – das wäre auch ein künstlerischer Tod -, aber ich habe kein spezielles Interesse daran, von meinem Publikum gehasst zu werden. Ich bin doch nicht fünfzehn.

Viele deiner Kurzgeschichten sowie auch dein letzter Roman Hipster wird’s nicht handeln in Berlin-Neukölln. Wie beeinflusst dieser Stadtteil deine Arbeit? Was inspiriert dich daran?

Neukölln als Thema war ursprünglich nichts als ein logisches Abfallprodukt. Denn im Mittelpunkt traditioneller Lesebühnentexte steht nun mal oft das eigene Erleben – der Fahrradunfall, der Zahnarztbesuch, die bucklige Verwandtschaft, die unglückliche Liebe -, das traditionell auch im eigenen Umfeld spielt. Knausgard in kurz und komisch. Da hat man dann schon mal einen Anker, ein gefühlsmäßiges Zuhause, von dem aus man dann aufbrechen kann ins Unbekannte: in die Gestaltung von Figuren (einschließlich des Ich-Erzählers) und Entwicklungen, die so nicht da waren. Also fast wie „Literatur“, haha. Ich wohn(t)e in Neukölln – was lag also näher, als die Geschichten dort spielen zu lassen. Und das sind wiederum Geschichten, wie sie eben in Neukölln spielen (können). Das Ganze gesehen mit einem distanzierten Blick von außen, beinah wie ein Ethnologe. In Verbindung mit mutwilliger Überspitzung ergibt sich die Komik dabei von selbst, egal, ob man sich eher auf das alte Neukölln konzentriert, wie in den früheren Geschichten, oder ob man, wie in dem Roman Hipster wird’s nicht, mehr auf Veränderungen und Gentrifizierung eingeht.

Ob in deiner tageszeitung-Kolumne oder deinen Kurzgeschichten, man stößt immer wieder auf schwarzen Humor und Ironie. Welches Mittel stellen diese für dich dar und wo ist die Grenze zur Absurdität?

Aus mir unerfindlichen Gründen favorisiere ich Humor österreichischer oder angelsächsischer Prägung. Gleichzeitig bin ich aber, fürchte ich, auch sehr deutsch. So mischt sich das barock Morbide ganz eigenartig mit preußisch-protestantischer Piefigkeit – im Ergebnis also ein äußerst humorloser Humor. Aber das können Außenstehende sicher besser beschreiben und beurteilen. Die Grenze zur Absurdität ist immer dann erreicht, wenn der schwarze Humor aus ebenfalls unerfindlichen Gründen vom Grenzschutz aus dem EC geholt wird, und die Ironie mit den gemeinsamen drei kleinen Kindern alleine weiterreisen muss.

Und das hier wäre der ideale Lesebühnentext: Sechs Minuten und dreißig Sekunden lang, doch er kommt einem wie vier Minuten vierzig lang vor. Klug und doch beim einmaligen Hören verständlich. Aktuell und doch zeitlos. Inhaltlich relevant und doch gaga. Parteiisch und doch versöhnlich. Erkenntnisreich und doch unterhaltend. Ernst und doch humorvoll. Klar und doch ironisch. Literarisch und doch nicht.


Uli Hannemann, geboren 1965 in Braunschweig, lebt und arbeitet als Autor in Berlin-Neukölln. Seit 2000 ist er Mitglied der Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen und seit 2004 auch der Berliner Lesebühne Reformbühne Heim & Welt. Von ihm erschienen u.a. Hipster wird’s nicht! Der Neuköllnroman (2013), sowie zahlreiche Veröffentlichungen in diversen Printmedien und Anthologien. Seine Werke sind von Ironie und schwarzem Humor geprägt.

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