5 Fragen an Saskia Trebing von 54stories

In der Reihe „5 Fragen an…“ stellen wir Berliner LiteraturaktivistInnen vor. Ob AutorInnen, VerlegerInnen, VeranstalterInnen – mit uns sprechen sie darüber, was sie antreibt, was sie umtreibt und was sie überhaupt dazu bringt, sich literarisch zu engagieren.

Die Online-Plattform 54stories betreibt Saskia Trebing gemeinsam mit Tilman Winterling. Was als Adventskalender mit 24 Kurzgeschichten begann, hat sich zu einem Fundus an 54 Texten unterschiedlicher Autoren entwickelt. Nun wagt sich das Team von 54stories auf die Lesebühnen und präsentiert die Texte einem Live-Publikum.

Gab es für dich ein Erlebnis, nach dem du beschlossen hast, dich literarisch zu engagieren – wann und wie ist der Funke übergesprungen?

S.T.:
Das war eigentlich weniger ein Erlebnis als vielmehr ein längerer Prozess. Ich habe Schreiben zunächst als rein professionelles Werkzeug kennengelernt und benutzt. Literatur gab es für mich eigentlich außerhalb von Büchern nicht.

Als ich dann nach Berlin gezogen bin, habe ich hier die freie Szene entdeckt und bemerkt, dass es noch so viel mehr Literatur gibt, die nicht bloß zwischen zwei Buchdeckeln stattfindet.

Wo in Berlin arbeitest du – und warum? Welche Rolle spielt die Stadt?

S.T.: Tilman Winterling, mit dem ich 54stories organisiere, lebt ja in Hamburg und deshalb stehen wir unter Einflüssen aus ganz verschiedenen Orten. Unser Projekt lässt sich nicht so richtig verorten und das finden wir gerade gut daran. Mittlerweile ist es auch so, dass Autoren aus den verschiedensten Orten unsere Plattform kennen und auf uns zukommen, sodass nicht mehr nur wir die Geschichten finden, sondern die Geschichten auch uns finden. Berlin als Ort spielt insofern eine Rolle, als dass es hier eben etablierte Lesebühnen gibt. Hier ist es selbstverständlicher als in anderen Städten, dass man Literatur auf verschiedenen Wegen vermitteln kann und das finde ich sehr schön. Berlin ist als Lese- und als Schreibort relativ etabliert. Man trifft hier auf Strukturen, die man nutzen kann aber nicht muss.

Für euch schreiben so namhaften AutorInnen wie Nora Bossong und ihr seid für den Virenschleuder-Medienpreis nominiert. Was sind die nächsten Ziele eurer Plattform? Wie soll es weitergehen?

S.T.: Das Tragische ist natürlich, dass die Aufmerksamkeit gerade jetzt kommt, wo das Projekt eigentlich abgeschlossen ist. Wir haben 54 Geschichten veröffentlicht – die 54stories sind also komplett und damit ist für uns die erste Runde fürs Erste abgeschlossen. Allerdings versuchen wir jetzt, mit unserem Repertoire an Geschichten zu arbeiten, wie zum Beispiel in Lesungen, wie die am 30.9. in der Lettrétage. Im Zuge dieser Veranstaltungen versuchen wir unsere Plattform sozusagen zum Leben zu erwecken. Außerdem planen wir für Dezember wieder einen Adventskalender.

Wir wollen weiterhin in keine Strukturen passen und unkommerziell bleiben, uns aber dennoch weiterentwickeln, um dann vielleicht auch ein Publikum zu erreichen, was nicht so sehr in der freien Literaturszene unterwegs, aber vielleicht trotzdem interessiert ist.

Welche Rolle spielt Literaturvermittlung für euer Projekt? Eure Plattform liefert ja erstmal nur Lesestoff und bietet nicht den Raum für Gespräche – wie verändert sich das durch Lesungen?

S.T.: Erstmal gibt es ja diesen Fundus bei uns auf der Plattform, auf den jeder jederzeit zugreifen kann. Wir haben besonders darauf geachtet, dass die Beiträge eine Länge haben, die überschaubar ist und zum Lesen und Entdecken anregt. Bei Lesungen verknüpfen sich die Dinge: die Art, wie der Autor mit dem Text umgeht, wie man danach denselben Text anders liest als vorher – da passiert ganz viel. Da zeigen sich auch die unterschiedlichen Schritte der Literatur: Schreiben und auch Lesen als primär einsamer Prozess und dann das gemeinsame Erlebnis bei einer Lesung. Aber alle Aspekte – auch die einsamen – halte ich für ganz wichtig und spannend.

Was macht Literatur aus und was zeichnet sie aus?

S.T.: Wir haben ganz unterschiedliche Texte für 54stories zugeschickt bekommen: Texte, bei denen klar war, dass sie mehrfach korrigiert und lektoriert wurden, aber auch Texte in Zwischenstadien und Ansätze, die sich noch weiterentwickeln können. Was mich so fasziniert hat, ist, wie schnell man ein Gefühl dafür bekommt, was als Text funktioniert und was nicht. Wenn jemand in der Lage ist, mit Sprache etwas zu schaffen, mit dem man mitgehen kann, dann ist es für mich gute Literatur – und das kann ganz unterschiedliche Ausdrucksformen haben. Ein weiterer Aspekt ist, dass gute Literatur Texte sind, bei denen jemand ein Bedürfnis hat, sie mit anderen Menschen zu teilen. Das hat auch nichts mit der Länge der Texte zu tun – wir haben Texte, die zwei Sätze lang sind, aber auch richtige Erzählungen. Das Wichtigste ist, dass etwas rüberkommt und sowohl beim Autor als auch beim Leser durch den Text etwas ausgelöst wird.


Saskia Trebing lebt seit 2010 in Berlin und studiert Literatur- und Kunstwissenschaft an der Universität Potsdam. Sie betreibt nicht nur 54stories und liest fleißig für ihr Studium, sondern verfasst auch eigene Texte.

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