5 Fragen an Odile Kennel

In der Reihe „5 Fragen an…“ stellen wir Berliner LiteraturaktivistInnen vor. Ob AutorInnen, VerlegerInnen, VeranstalterInnen – mit uns sprechen sie darüber, was sie antreibt, was sie umtreibt und was sie überhaupt dazu bringt, sich literarisch zu engagieren.

Odile Kennel lebt, schreibt und bloggt in Berlin Mitte. Ihr erster Roman „Was Ida sagt“ ist 2011 erschienen, ihr Gedichtbanddebüt „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ 2013. Außerdem übersetzt sie Literatur aus dem Spanischen, Französischen und Portugiesischen.

Gab es für dich ein Erlebnis, nach dem du beschlossen hast, dich literarisch zu engagieren – wann und wie ist der Funke übergesprungen?

Ich habe lange selbst für die Literaturwerkstatt Veranstaltungen organisiert. Irgendwann war klar, ich muss „die Seite wechseln“, ich bekomme Veranstaltungsorganisation und Schreiben auf Dauer nicht unter einen Hut. Das war der Beginn meiner Übersetzerinnentätigkeit, weil das für mich gewissermaßen eine Erweiterung des Schreibens ist und sich sehr gut vereinbaren lässt.

Beides ist bei mir eng miteinander verbunden, ich bin also gewissermaßen als Doppelagentin in der Literaturszene unterwegs. Weil ich für Berliner Festivals wie die Latinale oder das Poesiefestival übersetze, und auch Dichter*innen wie Ricardo Domeneck und Érica Zíngano, die selbst in Berlin leben und lesen, geht vieles ineinander über, Eigenes vorlesen, übersetzen, Übersetztes vorlesen, das ist nicht immer zu trennen.

In welchem Teil der Stadt arbeitest du und warum genau da? Wie beeinflusst Berlin deine Arbeit?

Ich arbeite da, wo ich seit 1999 wohne, also in Mitte. Das war eher Zufall, ich habe mich in die damals komplett heruntergekommene, helle, eigenwillig geschnittene Wohnung verliebt, in der ich alles selber renovieren musste und durfte. Das erwähne ich deshalb, weil ich jemand bin, die am liebsten zuhause arbeitet. Und die deshalb nicht irgendwo wohnen könnte, nicht in irgendeiner Wohnung und nicht an irgendeinem Ort. Aber natürlich würde ich mich auch anderswo engagieren, und Anderswo würde auch in meine Arbeit einfließen. Es ist, glaube ich, immer so, dass Orte, an denen man lebt oder sich bewegt, einen Einfluss haben, jedenfalls bei mir, die ich viel vom Alltag ausgehend schreibe. Und mein Alltag ist überwiegend Berlin. Berlin ist eine gute Stadt dafür, ich jedenfalls langweile mich nie in meinem Alltag. Und natürlich hat Berlin viele Literaturinstitutionen, Veranstaltungen, Verlage, Autoren, Dichter, also eine lebendige, sich immer bewegende Szene, an der man, wenn man will, teilnimmt und wahrgenommen wird. Aus der sich neue Lesemöglichkeiten, Übersetzungsaufträge usw. ergeben. Also ein sehr praktischer Aspekt … Genau so praktisch wie die Tatsache, dass ich von meiner Arbeit leben kann, weil man in Berlin mit wenig auskommt. Das wäre in Paris so nicht möglich. Aber das wusste ich damals alles nicht, das gehörte nicht zu meinen Überlegungen, ich bin nach Berlin gekommen, weil die Stadt mich, wie so viele andere, „gepackt“ hat.

Du bist in einer deutsch-französischen Familie aufgewachsen. Was bedeutet die Bilingualität für deine Arbeit als Autorin?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Man sagt ja gerne, mehrsprachig Aufgewachsene wissen von vorneherein um die Fragilität der Beziehung von Objekt zu Wort, da für sie zu einem Objekt schon immer mindestens zwei Bezeichnungen gehören. Aber was bedeutet das, nicht alle Mehrsprachigen werden Dichter, nicht alle Dichter sind mehrsprachig … Ich weiß nur, dass es mir komplett unvorstellbar ist, nicht mit mehreren Sprachen, ergo auch Kulturzusammenhängen groß geworden zu sein. Es ist mir unmöglich, mich in „so jemanden“ hineinzuversetzen. Über „so jemanden“ könnte ich nicht schreiben. Anders herum, wenn ich nicht weiß, wie es ist, mit nur einer Sprache großgeworden zu sein, weiß ich ja nicht, was den Unterschied ausmacht. Was für mich ganz normal ist, bezeichnet ein Soziolinguist vielleicht als „spezifisch mehrsprachig“. Aber es gibt schon Momente, da fällt mir ein Wort, eine idiomatische Wendung erst auf Französisch ein, weil das in dem Moment der präzisere Begriff ist, dann muss ich ihn übersetzen, mit allen Übersetzerüberlegungen, die ich sonst auch anstelle. Das ist schon lustig. In dem Moment bin ich ich und gleichzeitig jemand, der mich übersetzt. Und eine Sache ist mir noch aufgefallen: Mir wird ein Hang zum Kalauern nachgesagt. Darauf wäre ich nie gekommen. Will sagen, wo in Deutschland schon von Kalauer die Rede ist, spreche ich noch von Wortspiel. Und das, glaube ich, kommt vom Französischen, dieser zur Homophonie neigenden Sprache. Es gehört zum Alltag, damit zu spielen, dass Wörter gleich klingen, aber ganz andere Dinge bedeuten. Jeder Radiomoderator macht das, egal, über welches Thema er spricht. Das heißt, ich habe da eine ganz andere Toleranzgrenze … Ach so, und dann werde ich natürlich immer gefragt, warum schreibst du nicht auf Französisch? Und ich antworte: Sprechen und lesen habe ich zuerst auf Französisch gelernt. Schreiben auf Deutsch.

Du arbeitest unter anderem auch als Übersetzerin: Was ist das Schwierigste, was das Reizvollste am Übersetzen?

Am Schwierigsten: das Übersetzen. Am Reizvollsten: das Übersetzen. Also genau genommen geht übersetzen ja gar nicht, selbst, wenn man nicht von Gleichheit, sondern von Äquivalenz spricht. Kein Begriff entspricht in der Zielsprache ganz dem Begriff in der Ausgangsprache. Und dann entsteht in der anderen Sprache ein Text, der anders ist und doch der gleiche … Also der Reiz fängt für mich da an, wo ich anfangen muss bzw. darf zu spielen, um genau da hinzukommen … Aber bevor ein übersetzter Text in dieses „Stadium“ gelangt ist, wo man anfangen darf zu spielen, ist viel Zeit vergangen, Schweiß geflossen und Verzweiflung zu überwinden gewesen ….

Und dann gibt es noch zwei Lieblingsaspekte am Übersetzen, die mir erst nach und nach klar geworden sind: Ersten schreibe ich beim Übersetzen, forme Sprache, auch wenn ich nicht eigene Texte schreibe. Das wäre beim Lektorieren zum Beispiel nicht der Fall. Und zweitens bin ich beim Übersetzen immer in anderen Sprachen unterwegs. Würde ich zum Beispiel neben dem literarischen Schreiben noch journalistisch arbeiten, wäre ich nur noch in einer einzigen Sprache unterwegs. Und wie ich schon sagte: undenkbar.

Welchen Stellenwert nimmt für dich, als Literaturschaffende, die Literaturvermittlung ein? Wie fühlt es sich an, seine eigenen Texte vor Publikum zu präsentieren?

Lesungen sind ja der einzige Ort, an dem man erfährt, wie die eigenen Texte wirken. Ich lese sehr gerne meine Texte vor Publikum, zum einen, weil ich schon immer gerne vorgelesen habe, zum anderen, weil für mich Texte immer auch Vorlesetexte sind. Ich schreibe sie ja auch im Wechselspiel mit Lautlesen. Und natürlich sitzen im Publikum potentiell neue Leser …

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