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September


Samstag, 4. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt frei
Luces in the sky[pe] – Junge Autoren aus Spanien (I)
Álvaro Colomer. Fantasie einer toten Stadt

Mit Álvaro Colomer und Denis Abrahams
Saisoneröffnung


‚Luces in the sky[pe]‘ holt Glanzlichter der jungen spanischen Literatur auf das Parkett der Lettrétage. Acht handverlesene Autoren der Jahrgänge 1970-78 können mit ihren Prosatexten erstmals auf deutsch entdeckt werden: Eine Autorenlesung via Videoübertragung, eine Schauspielerlesung der eigens dafür angefertigten Übersetzungen und ein Autorengespräch mit Dolmetscher via Skype gestalten den Abend. (Für die Veranstaltungen sind keine spanischen Sprachkenntnisse erforderlich.)

Mimodrama de una ciudad muerta ist ein Schaustück wahnwitziger Phantasien und zugleich eine Gesellschaftssatire über den Umgang mit dem Tod im urbanen Raum. Eduardo Arrollo, Mitte dreißig, ist Thanatopraktiker, die Leichenhalle ist sein Arbeitsplatz. Kürzlich Verstorbene werden von ihm kosmetisch und hygienisch für den Abschied hergerichtet. Damit ist Eduardo Arrollo ein Zahnrad im Getriebe der Bestattungsindustrie, die Leichenhalle ein Betrieb in der Kette der Totenversorgung zwischen Krankenhaus und Friedhof. Arrollos obskure Vergangenheit läßt ihn unentwegt halluzinieren, so daß unter seinem Blick Tote wieder lebendig werden und sich am Romangeschehen beteiligen. In Mimodrama de una ciudad muerta zeigt sich Colomer ebenso als akribisch recherchierender Journalist wie auch als Spielmann, der mit barocker Lust das Grauenvolle bis hin zur Karikatur überzeichnet. In bester Tradition spanischer Satire à la Quevedo zeichnet Colomer ein Sittengemälde des städtischen Bestattungswesens, dessen nur scheinbar lückenlos kontrollierte Abläufe die totale Gleichgültigkeit der urbanen Gesellschaft gegenüber ihren Verstorbenen kaschieren.

Foto: Marta Calvo
Álvaro Colomer, 1973 in Barcelona geboren, ist Schriftsteller und Journalist. Er hat in zahlreichen Anthologien Erzählungen veröffentlicht und eine Romantrilogie über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod im urbanen Raum geschrieben. Deren zweiten Teil bildet Mimodrama de una ciudad muerta (2004). Darüber hinaus veröffentlichte er auf Grundlage von Recherchen zur Prostitution in Spanien einen Erzählband; außerdem publizierte er einen Band gesammelter Reportagen, aus dem ein Beitrag mit dem International Award for Excellence in Journalism 2007 ausgezeichnet wurde. Álvaro Colomer publiziert regelmäßig in verschiedenen Print- und Onlinemedien. Für die Tageszeitung La Vanguardia betreibt er den preisgekrönten Blog El arquero.

Die Reihe wird unterstützt vom spanischen Kulturministerium, der spanischen Botschaft in Berlin, Pro Spanien und der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften (ALG).







Medienpartner:






Montag, 6. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,- €
Wolfsblätterwald
Eva Wal liest Prosa und Lyrik



Immer wieder finden sich im Programm der Lettrétage Projekte, die im Grenzbereich von Literatur, Kunst und Performance angesiedelt sind. Hinter dem Titel Wolfsblätterwald verbergen sich Lyrik und Prosastücke der vielseitigen Autorin, Künstlerin und Performerin Eva Wal. Ihre Texte haben unterschiedlichste Erscheinungsformen: Mal bildet eine Lyrik-Performance, mal ein Videogedicht, dann wieder ein Prosatext in Verbindung mit Musik und Soundcollage die sinnlich erlebbare poetische Außenfläche.

In Eva Wals Prosatexten geht es um Beziehung und Beziehungslosigkeit von Innen- und Außenwelten. Die Erzählerin zeigt ihr Ausgeliefertsein, Zustände von Ohnmacht, Verzweiflung und Paranoia wie eine offene Wunde. Die Ursachen dieser Zustände bleiben unklar, vielmehr geht es um die Macht der Erinnerung und im Kern um seelische Zustände jenseits von Schrecken und Schönheit.

Eva Wals Lyrik zeigt sich in enger Abfolge von Bildern ohne Konventionen. Ihre Metaphorik zeichnet Gefühlsbeschreibungen hin zu Seelenzuständen, die in tiefer Menschlichkeit über die Metaphern hinauswachsen. So erkennt der Mensch seine Existenz oft mit dem Blick auf Vanitas-Motive. Viele Zeilen verweisen auf die Gleichzeitigkeit von Moment und Ewigkeit, Tod und Leben, Liebe und Nichtliebe, nicht als Gegensätze, sondern zusammengehörend. Eva Wal bleibt dicht am Menschen, seiner Umwelt, zugleich dicht an Naturbeschreibungen, ihrem Werkzeug zum Ergründen der Seele. Claudia Heib

Foto: Eeva Hauss
Eva Wal, geboren 1966 in Hamburg, aufgewachsen am Bodensee. Seit 1996 regelmäßige Ausstellungtätigkeit, Klang- und Rauminstallationen, Video, Film, Performances, Lesungen und Konzerte im In- und Ausland (England, Frankreich, Polen, Russland, Ecuador). 2006 Erfindung der Planetenmaschine als Instrument, um Wort, Bild und Klang in einem komplexen, physisch erfahrbaren System zu verschmelzen.2008 Stipendium im Künstlerdorf Schöppingen, 2009 Gaststipendium der Stadt Salzburg, ebenfalls 2009 mit dem Gedichtband Marmorsee die erste Buchveröffentlichung.



Mittwoch, 8. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt frei
Luces in the sky[pe] – Junge Autoren aus Spanien (II)
Alberto Olmos. Der Status

Mit Alberto Olmos und Denis Abrahams

‚Luces in the sky[pe]‘ holt Glanzlichter der jungen spanischen Literatur auf das Parkett der Lettrétage. Acht handverlesene Autoren der Jahrgänge 1970-78 können mit ihren Prosatexten erstmals auf deutsch entdeckt werden: Eine Autorenlesung via Videoübertragung, eine Schauspielerlesung der eigens dafür angefertigten Übersetzungen und ein Autorengespräch mit Dolmetscher via Skype gestalten den Abend. (Für die Veranstaltungen sind keine spanischen Sprachkenntnisse erforderlich.)

Wie schreibt man vom Nichts? Von der Abwesenheit, von der Un-Zeit? Und vor allem: Wo liegt der Ursprung von alldem? - Alberto Olmos‘ neuster Roman El estatus (2009) spinnt von der ersten Zeile an ein dichtes Netz aus Erzählstimmen und enigmatischen Hinweisen und entfaltet dabei die Geschichte von Mutter und Tochter, Clara und Clarita, die nach dem Umzug vom Land in die Stadt vergeblich auf den Ehemann und Vater warten. Er, der unsichtbare Marionettenspieler des Romans, ein Godot ohne Namen, verkörpert die magische Macht einer anwesenden Abwesenheit. Losgelöst von den Koordinaten der Außenwelt, schrumpft das Leben von Mutter und Tochter zu einem eigensinnigen Mikrokosmos in einem geheimnisvollen Haus, dessen einzige Bewohner – wider Wissen – sie sind. Je tiefer die Tochter in die Hinterzimmer und Dachkammern des Hauses dringt, je dichter sie Phantasien über Geister spinnt, desto mehr entwickelt sich die reale Ereignislosigkeit zum Biotop, in dem sich Phantasien und Träume mit den wenigen Realitätspartikeln vermischen. Und in dem Anfang und Ende, oben und unten nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.

Alberto Olmos ist 1975 in Segovia geboren. Er studierte Journalistik und Romanische Philologie in Madrid und ist Mitarbeiter der Tageszeitung El Mundo sowie weiterer zahlreicher spanischer und internationaler Medien. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Japan lebt Alberto Olmos heute wieder in Madrid. Sein Werk wurde mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet. Mit seinem neusten Roman El estatus (2009) gewann er im vergangenen Jahr den „Premio Ojo Crítico RNE“ für den besten Roman eines Autors unter vierzig Jahren.

Die Reihe wird unterstützt vom spanischen Kulturministerium, der spanischen Botschaft in Berlin, Pro Spanien und der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften (ALG).







Medienpartner:






Samstag, 11. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,- €
Clemens Berger: Das Streichelinstitut
Autorenlesung


Aus einer Urlaubsalberei macht Sebastian ernst: Da er so gut streicheln kann und nach dem Ende seines Philosophiestudiums eh keine Arbeit gefunden hat, beschließt Sebastian zum Gewerbeamt zu gehen, um in der Mondscheingasse ein Streichelinstitut zu eröffnen. Dass tatsächlich Leute kommen und auch noch eine Menge Geld bezahlen, überrascht ihn fast selbst. Bald muss er sich allerdings eingestehen, dass Zielgruppe und Wunschgruppe nicht unbedingt identisch sind und sich überhaupt plötzlich ganz ungeahnte Probleme auftun. Ein urkomischer, kluger Roman über einen liebenswerten Taugenichts, der beschließt, ein Streichelinstitut zu eröffnen und endlich ein homo oeconomicus zu werden.

Gelungen ist dieser Roman bis in die Details der Personenkonstellation und der Sprache. So ist Das Streichelinstitut nicht zuletzt für den Leser die reinste Liebesarbeit. (FAZ)

Ein besonderes, witziges, amüsantes, melancholisches und auch sehr kluges Buch. (WDR)

Foto: Henrik Ahr
Clemens Berger, geboren 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er als freier Schriftsteller lebt. Derzeit hält er sich als Stipendiat des lcb in Berlin auf. Bisher erschienen von ihm sind zwei Erzählungen, Theaterstücke und drei Romane, zuletzt Das Streichelinstitut (Wallstein, 2010).






Donnerstag, 16. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,- €
Datenschreiber IV: Nemesis Divina - Marc Bolans Bein
Ann Cotten und Bert Papenfuß


Acht Daten, elf Autoren, rund sechzig Jahre Geschichte. Um den Nukleus eines mehr oder minder zufällig „Gegebenen“ (lat. datum) herum – sei es tragisch oder trivial, esoterisch oder paranoid – sammelt sich der Sternenstaub der Historie zu einem „schmutzigen Schneeball“.

Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu? (Paul Celan)

Immer wieder scheint es, als wäre alles aus. Doch jedes noch so stumpfe Ende lebt als Anlass weiter. Unsterblich ist das Relikt. Sterblich ist allein der Geist, dem es nicht gelang, sich vollständig auszudrücken. Was gelebt wird, geht unter, es bleibt, was behauptet wird. "Vor zwei Jahren hätte ich nicht im Radio auftreten dürfen, jetzt kann ich sogar mein Bein zeigen." Die Zeit hält Schritt. Geht in die Bibliotheken!

Ann Cotten, geboren 1982 in Ames, Iowa, wuchs in Wien auf, lebt heute als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Debütierte 2007 mit dem bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband Fremdwörterbuchsonette. Aktueller Einzeltitel: Floriada-Räume (Suhrkamp 2010). Erhielt 2008 den Clemens-Brentano-Preis.

Bert Papenfuß, geboren 1956 in Stavenhagen. Gelernter Elektronikfacharbeiter, Ton- und Beleuchtungstechniker, arbeitete ab 1976 als Theaterbeleuchter in Berlin, ab 1980 als freier Schriftsteller. Er war eine der prägenden Gestalten der Prenzlauer-Berg-Literatenszene der späten DDR. Ab 1999 lange Jahre Mitbetreiber des Kaffee Burger. Zahlreiche Auszeichnungen und Publikationen, zuletzt Ation-Agenda. Gedichte 1983-1990, Urs Engeler 2008.

Wir bedanken uns beim Berliner Senat für die finanzielle Unterstützung sowie bei den Medienpartnern taz, Zitty und Radio Eins.





Mittwoch, 29. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt frei
Silvina Ocampo, Adolfo Bioy Casares: Der Hass der Liebenden
Buchpremiere
In Zusammenarbeit mit dem Manesse Verlag

Es liest Denis Abrahams


Kann man einen Menschen lieben, den man für einen Mörder hält? Diese Frage stellen in ihrem packenden Kriminalroman zwei Größen der modernen argentinischen Literatur: Adolfo Bioy Casares und Silvina Ocampo. Ihr einziges gemeinsames Werk, das noch nie zuvor ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt von der Diskrepanz zwischen Schein und Sein und der zersetzenden Macht des Zweifels.

In einem abgelegenen Hotel an der argentinischen Atlantikküste versammelt sich eine illustre Gesellschaft, darunter ein drogensüchtiger Arzt, ein rätselhafter kleiner Junge und zwei Schwestern, die den gleichen Mann lieben. Ein Mord geschieht. Kurz darauf bricht ein Sandsturm los, der das Hotel von der Außenwelt abschneidet. Eine drückende Atmosphäre des Misstrauens und der Bedrohung breitet sich aus. In der dämmrigen, stickigen Enge sind Phantasie und Wirklichkeit kaum noch voneinander zu unterscheiden. Schließlich gipfeln die gegenseitigen Verdächtigungen in einer Verfolgungsjagd durch die windgepeitschten Dünen…

Die beiden Autoren spielen geschickt mit den Erwartungen des Lesers: Immer wieder wird er gezwungen, seine Vermutungen zu revidieren. Ihr hintergründiger, anspielungsreicher Krimi setzt sich dabei auf amüsante Weise über die Regeln des Genres hinweg.

Silvina Ocampo und Adolfo Bioy Casares waren dreiundfünfzig Jahre miteinander verheiratet. Beide verband eine enge und literarisch fruchtbare Freundschaft mit Jorge Luis Borges. Der Hass der Liebenden (1946) ist ihr einziges gemeinsames Werk.

Silvina Ocampo, geboren 1903 in Buenos Aires, gestorben 1993 ebenda. Sie wuchs in einer privilegierten und kinderreichen Familie auf. Ihre ältere Schwester Victoria Ocampo, ebenfalls eine bekannte Autorin, gab u.a. die Zeitschrift Sur heraus. In ihrer Jugend studierte Silvina Malerei bei Fernand Léger und Giorgio de Chirico in Paris und illustrierte u.a. frühe Erzählbände von Borges. Sie veröffentlichte, neben dem mit ihrem Ehemann gemeinsam verfassten Roman, 16 Bände mit eigenen Kurzgeschichten, von denen zwei auf Deutsch erschienen sind (Der Farnwald, 1991, und Die Furie und andere Geschichten, 1992) sowie zehn Gedichtbände.

Adolfo Bioy Casares, geboren 1914 in Buenos Aires, gestorben 1999 ebenda, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der lateinamerikanischen Phantastik. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die Romane La invención de Morel (1940, dt. Morels Erfindung), El sueño de los héroes (1954, dt. Der Traum des Helden) und Dormir al Sol (1973, dt. Schlaf in der Sonne). 1990 erhielt er den Premio Cervantes.

Denis Abrahams, geboren 1974 in Wiesbaden, studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Bereits während des Studiums spielte er am Staatstheater Mainz. Weitere Stationen waren u.a. das Staatstheater Wiesbaden, die Oper Frankfurt, Stuttgart und das Theater der Stadt Koblenz. Seit Mitte der Neunziger Jahre tritt Denis Abrahams als Rezitator und Vorleser auf und hat sich seither ein breites Repertoire erarbeitet. Seit 2004 lebt und arbeitet Denis Abrahams als freier Sprecher und DJ in Berlin und hat bereits in zahlreichen Hörspielen mitgewirkt.



Lettrétage - Das junge Literaturhaus