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April 2009


FÄLLT AUS!!
Gottfried Benn: Prosa und Essays
Gelesen von Denis Abrahams


Gottfried Benn gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dichter der literarischen Moderne. Obwohl der Allgemeinheit in erster Linie als Lyriker ein Begriff, ist seine Prosa einzigartig als poetische Ausdrucksform. Einer Ästhetik entsprechend, die sich von konventionellen Erzählformen weitestgehend verabschiedet hat, drängt sie ständig an die Grenze lyrischer Verdichtung. Thematisiert wird die Entgrenzung und Heimatlosigkeit des modernen Bewusstseins, damit einhergehend wird radikale Kulturkritik geübt. Auch in den Essays, die im Kern philosophisch und zugleich poetisch konzipiert sind, geht Benn hart mit dem Zeitgeist ins Gericht. Mit rhetorischer Meisterschaft zeigt er sich als Verächter des Betriebs und einer Gesellschaft, in der man danach strebt, sich in einer wissenschaftlich verharmlosten Welt eine mediokre Behaglichkeit zu sichern. Als Gegenentwurf wird transzendentaler Halt zumindest gesucht, mal in der anthropologischen Substanz eines kollektiven Unbewussten, kurzzeitig in neuen politischen Verhältnissen, immer aber in der Kunst - eine Haltung, die gemäß dem großen Vorbild Nietzsche verwurzelt ist in dem Glauben, dass nur als ästhetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt und dass die Kunst im Zeitalter des Nihilismus die eigentliche metaphysische Tätigkeit des Menschen sei.

Gottfried Benn wird 1886 als Sohn eines Pastors geboren und wächst in Dörfern östlich der Oder auf. 1912 promoviert er als Mediziner, im gleichen Jahr veröffentlicht er unter dem Titel Morgue seinen ersten expressionistischen Gedichtband. Während des Ersten Weltkriegs ist Benn als Militärarzt in Brüssel tätig, später lässt er sich als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin nieder. Nachdem er die Machtergreifung der Nationalsozialisten anfänglich begrüßt, ist er unter den Intellektuellen weitestgehend isoliert, wenig später unterliegt er selbst einem Schreibverbot. Obwohl auch nach Kriegsende angefeindet, findet er in der jungen Bundesrepublik ein neues, stetig wachsendes Publikum und wird unter anderem mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet. Genauso wie die Zuflucht zur künstlerischen Produktion ziehen sich Verzweiflung, menschliche Tragödien und zahlreiche Todesfälle nahestehender Menschen wie ein roter Faden durch sein Leben.

Denis Abrahams,
geboren 1974 in Wiesbaden. 1995-1996 Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften und Politikwissenschaften an der Uni Mainz. 1996-2000 Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. 1998-2002 fester Gast am Staatstheater Wiesbaden. Weitere Engagements am Staatstheater Mainz, Theater „Die Rampe“ Stuttgart, Brescia (Italien) und an der Oper Frankfurt. Zahlreiche freie Literaturprojekte. 2002-2005 festes Engagement am Theater der Stadt Koblenz. Dort Begründer der Lesereihe Spätlese. Lebt seit 2005 als freier Schauspieler und Synchronsprecher in Berlin.



Samstag, 18. April 2009, 20 Uhr, Eintritt: 5 Euro
„Sie haben im Rahmen der Challenge gezeigt, dass sie echte Meisterdiebinnen sind“
Coverversionen von Imgrund, Lechner, Traxler


Vor bald anderthalb Jahren haben sich die drei Autoren Jan Imgrund, Martin Lechner und Mathias Traxler gegenseitig Texte zugesandt, um diese zu bearbeiten. Wie genau die Bearbeitung vor sich gehen sollte, war jedem freigestellt, so dass von Streichungen einzelner Adjektive bis zur radikalen Überschreibung alles möglich war. Die drei Ausgangstexte und die insgesamt sechs Bearbeitungen bildeten später die Grundlage für eine über den letzten Sommer gemeinsam verfasste Datei, in welcher die Ergebnisse der Arbeit an den Coverversionen zu einer kommentierenden Konversation verschmolzen. Am Ende war, wer welchen Satz geschrieben hatte, nicht mehr zu ermitteln, da jeder Satz durch die Gabel dreier Stimmen gelaufen war.

Nun gibt es Gesänge, Dekubitus und Seegänge. Martin Lechner, Jan Imgrund und Mathias Traxler stellen ihr mehretappiges Projekt vor:
„Wir sind ja darin eingeschlüsselt, sagen wir so: Ich schlafe die Äpfel.

Ich würde, aber das geht ja nicht, trotzdem würde ich, was wir getan haben, wenn es denn ein Tun war, oder auch, wenn es denn ein Tun sein könnte, aber warum denn nicht?

Wenn das etwas ist wo man etwas nicht sagen darf damit das nicht kaputt geht.

Ich könnte essen bis ich sterbe.

Ich könnte sterben bis ich esse, das ist auch so ein tennisarmverdächtiger Satz. Dass es weitergeht, und letztlich dann mit links. Erstlich aber als als als als. Und überhaupt im Grunde. Das gemeinsam Gehunzte und Gewunde, beides muss ja nur mit links geschehen. Wie überhaupt das Geschehnis der Strom allen Schreibens sein sollte. Auch wenn ers niemals ist und niemals sein kann. In diesem Widerspruch zu segeln, das können wir uns mal leisten, Ahoi! Ich verstehe nur Bahnhof, wenn Bahnhof ein Begriff ist, der sich verstehen lässt vor lauter Abschiedszügen, in denen das Gesicht sich spiegelt, die eigenen, hochgereckten Hände, das Gespenst dazwischen, das Gesicht. Wir können ja eine Reise tun, uhu als Gruß, und schon im Zug, wenn uns einer begegnet, der uns versteht, den wir nicht verstehen.

Sie haben im Rahmen der Challenge gezeigt, dass sie echte Meisterdiebinnen sind. (…)“



Samstag, 25. April 2009, 20 Uhr, Eintritt: 5 Euro
mitten in den betriebsferien
Tanya Farg (Schweden) und Tom Bresemann (Deutschland)

In Zusammenarbeit mit den S³ LiteraturWerken


Das Publikum erwartet ein zweisprachiger Leseabend mit junger schwedischer und deutscher Lyrik, zwischen Ingmar B. und Shakira, "mitten in den betriebsferien" und aus der Mitte der Stadt.

Tanya Fargs Gedichte sind bislang nicht ins Deutsche übertragen worden. Vom Tom Bresemann erschien 2007 der Gedichtband Makellos (Neuauflage 2008), laut Berliner Literaturkritik, "ein gewitztes Sprachkonglomerat aus Bildungsgut und Gegenwartswut".

Ende 2008 haben Tanya Farg und Tom Bresemann begonnen, gegenseitig ihre Gedichte in die jeweils andere Sprache zu übertragen. Am 25. werden sie exklusiv für die Lettrétage einige Arbeitsproben abliefern.

In Schwedisch und Deutsch.

www.s3-berlin.de



Mittwoch, 29. April 2009, 20 Uhr, Eintritt: 5 Euro
César Aira: Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo
Im Rahmen der Reihe Lateinamerikanische Literatur und ihre deutschen Vermittler – Lesung & Gespräch
Es lesen und sprechen Denis Abrahams (Schauspieler), Michael Gaeb (Literaturagent) und Katharina Deloglu (Konzeption und Moderation).


Die Lettrétage lädt zu einer Humboldtschen Entdeckungsreise in die lebendigen Literaturen Lateinamerikas ein. Dabei gilt es, die Entdeckungen ebenso wie ihre deutschsprachigen Entdecker kennenzulernen und auf ihren Spuren literarisches Neuland zu betreten. Dieses Mal stellt Literaturagent Michael Gaeb den von ihm gescouteten argentinischen Romancier César Aira (geboren 1949) mit seinem Kurz-Roman Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo vor: In einer Nacht des Jahres 1923, ausgelöst durch eine seltsame Verkettung von Umständen, schreibt der Ministerialbeamte Varamo, der mit Literatur weder zuvor noch danach jemals das Geringste zu tun hat, ein avantgardistisches Meisterwerk, das „perfekte Gedicht“.

Wie dieses Buch beschreiben? Es ist kurz, heiter, humorig witzig, mild satirisch, geistreich, voller realistischer Phantasie, kultiviert, gut gemacht [...]. César Aira, Jahrgang 1949, ist Argentinier und einer der wichtigsten Autoren seines Kontinents. Ausreichend herumgesprochen hat sich das indes noch nicht; dem Nobelpreiskomitee sollte er auffallen. Nicht allein wegen dieses Buchs, das ein - freilich brillantes - Nebenwerk ist, aber eben auch.
Hans-Martin Gauger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Michael Gaeb, geboren 1973, studierte in Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und Philosophie in Bonn, Toulouse, Edinburgh und Berlin. Von 1999 bis 2001 arbeitete er für deutsche und französische Verlage und Agenturen und gründete im Jahr 2003 die Literarische Agentur Michael Gaeb. Von 2003 - 2005 war er Kurator des Internationalen Poesiefestivals Berlin. 2003 war er Fellow der Frankfurter Buchmesse, 2007 Fellow der Jerusalem Book Fair.

César Aira im Interview mit der taz

Rezension des Romans in der F.A.Z.

Unterstützt aus Mitteln der Kulturförderung Friedrichshain-Kreuzberg.
Mit freundlicher Unterstützung der argentinischen Botschaft.






Medienpartner: taz berlin